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2012 – Aktuelles aus dem Schweizer Lebendspender-Gesundheits-Register

Beitrag von Prof. Jürg Steiger (Leiter SOL-DHR),
SOLV-LN Mitgliederversammlung vom 24.03.2012 in Basel

Vortrag: „Ist das Leben nach Spende wie vorher?“
Langzeit Follow-Up von1453 Lebendspendern in der Schweiz
Zeitraum 1993 bis 2011
Quelle: http://www.lebendspende.ch/
  • 5.600 medizinische Untersuchungen durch Hausärzte
  • > 20.000 Blut- und Urinuntersuchungen in einem zentralen Labor
  • Fragebogen SF-8 und « Social recovery »
  • Intervention im Falle von Problemen

Teilgenommen haben 1.444 Nierenlebendspender.
65 % Frauen
35 % Männer

Je höher die Nierenfunktion vor der Spende war (GFR), desto größer ist der relative Funktionsverlust nach der Spende.

GFR vor Spende > 120 ml/m Verlust bis zu 40 % im ersten Jahr nach Spende.

GFR vor Spende < 60 ml/m Verlust bis zu 10 % im ersten Jahr nach Spende.

Weitestgehende Stabilität der Funktion in den Folgejahren. Eine signifikante Erhöhung der Nierenfunktion kann aus dem Diagramm nicht erkannt werden.

12 % der Spender waren schon vor der Spende in blutdruckbedingter Behandlung.

Insgesamt entwickelten die Spender gegenüber der Schweizer Normalbevölkerung mit zunehmendem Alter häufiger Bluthochdruck. In der Altersgruppe 60 bis 70 hatten 48 % der zukünftigen Spender Bluthochdruck. In der der altersgemäßen Vergleichsgruppe nach Spende hatten über 60 % Bluthochdruck. In der Altersgruppe ab 70 hatten ebenfalls 48 % der zukünftigen Spender Bluthochdruck, aber 80 % der Nierenlebendspender dieses Alters hatten Bluthochdruck.

Die Nierenlebendspende erhöht nach diesen Daten das Risiko im Alter an Bluthochdruck zu erkranken deutlich.

  1. Fragen zur Lebensqualität (LQ) der Spender mit den Fragebogen SF-8 (Short Form-8 Health Survey)
    • MCS (mental component summary) ein Jahr nach der Spende
      Der Durchschnitt der Spender aufgeteilt nach Altersgruppen wird in der Skala von < 30 tief bis > 50 sehr gut zwischen 40 gut und über 50 sehr gut eingeordnet. Im Vergleich mit der Schweizer Bevölkerung schneidet der Durchschnitt bei der mentalen Komponente alle Spender besser ab. In der Einzelbetrachtung gibt es einzelne Spender in mehreren Altersgruppen, die deutlich schlechtere Werte erzielen, < 40 mittel bis tief, ca. 6 %.
    • PCS (physical component summary) ein Jahr nach Spende
      Auch hier schneidet der Durchschnitt aller Spender aufgeteilt nach Altersgruppen besser ab, als die Schweizer Normalbevölkerung. In der Einzelbetrachtung gibt es einzelne Spender in mehreren Altersgruppen, die deutlich schlechtere Werte erzielen, < 40 mittel bis tief, ca. 8 %.

Anmerkung: Diese Auswertung enthält denselben systematischen Fehler, wie die meisten dieser Art. Der Vergleich mit der Normalbevölkerung ist falsch. Potentielle Spender gehören bei gewissenhafter Evaluation zum besonders gesunden Teil der Bevölkerung. Die Normalbevölkerung bildet alle Menschen mit und ohne Erkrankungen ab. Als Vergleichspopulation für die Lebensqualität der Nierenlebendspender kann daher nur eine Auswahl aus dem sehr gesunden Bevölkerungsteil gelten, der zur Spende grundsätzlich geeignet ist. Siehe auch Studie von Lin et al. Es wäre also interessant, zu sehen, wie die Lebensqualität der Spender im Vergleich zur gesunden Bevölkerungsgruppe aussieht.

  1. Evaluation des „Social Recovery“ Fragebogen (Teilnehmer n = 766, Zeitraum 2002 – 2011)
    • 70 % keine Probleme + 29 % Probleme + 1 % keine Antwort
    • Welche Probleme (bezogen auf 29 %)?
      • 25 % Schmerzen (7,25 % aller Spender)
      • 20 % Müdigkeit (5,8 % aller Spender)
      • 10 % Bauchprobleme (2,9 % aller Spender)
      • 9 % Narbenprobleme (2,6 % aller Spender)
      • 6 % Probleme mit Arbeit (1,7 % aller Spender) Anmerk.: Warum? Welche?
      • 5 % psychologische Probleme (1,5 % aller Spender) Anmerk.: Warum? Welche?
      • 5 % finanzielle Probleme (1,5 % aller Spender) Anmerk.: Wegen Erkrankung? Wegen Arbeitsplatzverlust?
      • 20 % andere Probleme

        Anmerkung: Inwieweit die Probleme interagieren, ist aus der Übersicht nicht zu entnehmen. Müdigkeit und Schmerzen können zu Arbeitsplatzverlusten führen und damit finanzielle Probleme hervorrufen. Hierdurch kann es zu psychischen Problemen kommen.

        Eine altersgemäße Aufteilung der Probleme ist nicht ersichtlich. Ist z. B. die Müdigkeit besonders bei jüngeren Spendern zu beobachten, siehe auch Studie Giessing et al! Und hängt dies ggf. mit dem höheren relativen Verlust der Nierenfunktion bei jüngeren Spendern zusammen? Hier vermissen wir Aussagen.

    • „Fühlen Sie sich gleich fit wie vor der Spende?“ (Teilnehmer n = 674, Zeitraum 2002 – 2011), Anmerk.: wo sind die Anderen?
      • 90 % der Nierenlebendspender fühlen sich ein Jahr nach der Spende fit.
      • 10 % nicht

Anmerkung: Diese Frage ist zu einfach gestellt. Es fehlen konkrete Aussagen zur Fitness vor der Spende. Die subjektive Erinnerung an die Fitness vor der Spende, kann nicht eine objektiv gemessene Fitness vor der Spende ersetzen. Wurde Sport oder sogar Leistungssport betrieben und wie viel oder gehörte man zur „ruhigen“ Population? In welchem Umfang ist diese Leistungsfähigkeit wieder da? Jemand der schon vor der Spende weniger leistungsorientiert gelebt hat, wird Leistungspotentialveränderungen, die die Spende ggf. auslöst, nicht merken und sich dennoch „fit“ fühlen. Jemand der leistungsorientiert lebt, merkt die Veränderungen. Das wird inzwischen anerkannt. Auch hier wäre eine Einteilung nach Altersstufen hilfreich.

  1. Gesundheitszustand ein Jahr nach der Spende (Teilnehmer n = 1037, Zeitraum 2002 – 2011), Anmerk.: Werte abgelesen.
    • 23 % Exzellent
    • 37,5 % sehr gut
    • 32% gut
    • 5 % mittel
    • 1 % tief
    • 0,5 % sehr tief
    • 1 % keine Antwort
Anmerkung: Hier fehlt der Bezug zum Gesundheitszustand vor der Spende. Somit ist keine Aussage über den Verlust von Gesundheit durch die Spende vorhanden.
  1. Frage: Würden Sie wieder eine Niere spenden? (Teilnehmer n = 1037, Zeitraum 2002-2011)
    • 94,8 % Ja
    • 3,3 % Nein
    • 1,6 % keine Antwort
Anmerkung: Diese Frage ist als Bewertungsmaßstab ungeeignet, weil sie keine Aussage über erlittene Beeinträchtigungen trifft. Das subjektiv positive gute Empfinden, geholfen zu haben, sagt nichts über einen möglichen Verlust an Lebensqualität und Gesundheitsstatus aus.
  1. Fazit von Prof. Steiger
    Ist das Leben nach der Spende wie vorher?
    Antwort: Ja, mit Einschränkungen für Bluthochdruck und einer „Minderheit“ (29 %!) mit Problemen.
Schlussanmerkung: Diese Frage kann auf Grund der vorliegenden Daten gar nicht beantwortet werden. Es gibt keine prospektiven Werte, lediglich retrospektive Auswertungen. Der mögliche Verlust an Lebensqualität durch die Spende im Vergleich zu vor der Spende ist nicht dokumentiert, lediglich ein systematisch falscher Vergleich zur Allgemeinbevölkerung wird herangezogen.

Fast ein Drittel der Spender klagt über diverse Probleme, ausgelöst durch die Spende. Ein „erfolgreiches“ medizinisches Verfahren aus Sicht der Nierenlebendspender ist die Nierenlebendspende damit definitiv nicht. Ca. 6 % der Spender klagen über Müdigkeit. Prof. Thiel, der Vorgänger von Prof. Steiger, sprach von ca. 8 % und vermutete eine höhere Dunkelziffer, da Müdigkeit nicht explizit abgefragt wurde. Hiervon steht in diesem Bericht ebenfalls nichts.

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