30. November 2016
linke Niere
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser.
entschuldigen Sie die formlose Anrede, aber ich bin nicht sicher, wer das lesen wird. Ich muss gleich zu Beginn sagen, dass ich froh bin, Ihre Seite im Internet nach der Entfernung meiner linken Niere gefunden zu haben. Der Beitrag von Herrn Gockel im letzten Newsletter stimmt mich mit Missbehagen. Es sei dem Herrn vergönnt, dass er keine Beschwerden hat, aber ich denke, er gehört zu einer ganz kleinen Minderheit, dennoch denke ich, ganz beschwerdefrei kann er nicht sein, denn nach der Entfernung können sich die Blutwerte zwar noch im Normbereich befinden, aber der Körper reagiert auf den Organverlust und die Hälfte der metabolischen und hormonellen Funktionen. Diese Reaktionen können auch sehr viel später auftreten, und es bleibt die Frage, ob sein Arzt wirklich alles untersucht hat, nicht nur die üblichen „Nieren-Werte“.
Dennoch finde ich es beachtlich, dass sich Menschen bereit erklären ein gesundes Organ zu spenden – Herrn Gockel gebührt meine allergrößte Hochachtung!
Ich habe seit Februar 2013 nur mehr meine rechte Niere. Meine linke Niere musste entfernt werden nachdem mir 2012 bei einer Adenomentfernung an der linken Nebenniere der Harnleiter durchtrennt worden ist. Diesen fatalen Fehler hat man erst 14 Tage später mit einem Riesenurinom und entsprechenden Erscheinungsbildern diagnostiziert. Das harndurchtränkte Gewebe konnte nie mehr zusammenwachsen, trotz Schienung habe ich laufend Harn in die Bauchhöhle verloren. Es bildete sich ein 2. großes Urinom mit einem Abszess an meiner bis 2012 völlig gesunden Niere, mit Nierenbeckenentzündung, Ureterfistel und Anämie. Und um den Bericht zu vervollständigen: Es kam bei der Nierenentferung zu einer Perforation des Dickdarms mit Bauchfellentzündung und anschließender Sepsis.
Darum bin ich auf Ihre Seite gekommen: Ich bin in meinem Elend völlig allein gelassen worden. Laut Gutachter ist bei der ErstOP alles lege artis abgelaufen, und in meiner Verzweiflung und nach langem Suchen habe ich Ihre Seite gefunden. Zwar habe ich keine Niere gespendet, aber ich sehe meine Situation als die Gleiche, da ich eben in kürzester Zeit eine komplett gesunde Niere „abgeben“ musste und jetzt mit den Folgen zu kämpfen habe, die mir täglich mehr und mehr bewusst werden, da ich anfangs nur froh war die Sepsis, die darauf folgende Lungenembolie und das Tragen eines Stomas einigermassen überstanden zu haben.
Nun habe ich fast alle Beschwerden, die Sie auf der Seite mit den Symptomen nach einer Nierenlebendspende aufgelistet haben. Ich spüre jeden Tag, dass mir etwas fehlt – ich komme mir irgendwie nur halb vor, und die Energie, die ich einmal hatte, wird nie mehr zurückkehren.
Ich danke Ihnen für diese prägnanten Unterlagen, die mir dienlich bei Argumentationen sind und waren.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und dem Verein Nierenlebendspende viel Erfolg bei seinem Wirken!
Mit freundlichen Grüßen
Guten Tag,
Ihr Schreiben macht betroffen. Sie haben völlig Recht, Sie sind kein Einzelfall. Tatsächlich leiden sehr viele Menschen, die eine Niere verloren haben, sei es durch Krankheit oder durch eine Lebendspende unter den Folgen. Zwar hat sich in den letzten Jahren die Sicht auf die Situation der Einnierigen durch unsere Öffentlichkeitsarbeit etwas geändert, aber gerade Mediziner, die sich beruflich mit der Organspende beschäftigen, zeigen nach wie vor ein deutliches Maß an Ignoranz und Phlegmatismus. Selbst systematisches Lügen in Arzthaftungsprozessen gehört zum Repertoire bestellter Gutachter, die als Transplantationsmediziner nicht nur die beklagten Ärzte, sondern auch die Organlebendspende und damit auch sich schützen wollen. Hinzu kommen dann noch Gerichte, die sich kaum bemühen, ihre Antipathie für unser Anliegen zu verstecken und entsprechende Skandalurteile fällen.
Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass auch Menschen, die eine Niere durch eine Erkrankung oder einen Unfall verloren haben, keine adäquaten Ansprechpartner unter Medizinern finden. Insofern verfolgen wir dieselben Interessen. Bei uns im Verein sind daher auch Menschen wie Sie Mitglied und unterstützen unseren Kampf für Aufklärung, Absicherung und Versorgung in der Causa Nierenlebendspende bzw. Nierenverlust.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und verständnisvolle Ärzte, die sich um Ihre Probleme aufrichtig kümmern.
Ralf Zietz