Fatigue in CKD
In Control – A Medical Education Institute/Life Options Publication Vol. 1 No. 4 – Dezember 2004
(Bitte unsere Schlussbemerkung am Ende des Textes beachten!)
Im Jahre 2004 erschien der Artikel „Fatigue in CKD“ als Leitfaden für Ärzte und Patienten in der US-amerikanischen Fachzeitschrift „In Control“. Dort wurden fatigueartige Symptome, die schon bei milder Niereninsuffizienz (CKD II) auftreten können, besprochen. Da diese auf Grund der mangelnden Selbsteinschätzung der Patienten oft nicht in einen Zusammenhang mit einer Nierenschwäche gebracht werden, sollen Ärzte verstärkt nach den Symptomen bzw. deren Auswirkungen im Alltag fragen. So kann schon eine milde Anämie zur Fatigue führen.
Ein Großteil der Nierenlebendspender befindet sich nach der Spende in einem milden Nierenfunktionsstörungsbereich (CKD II, GFR 80 < 60) und ein weiterer erheblicher Anteil (bis zur Hälfte) sogar im Niereninsuffizienzbereich (CKD III, GFR 60 < 30), was als moderate Nierenfunktionsstörung bezeichnet wird. Es gibt keine Studien darüber, dass ein vergleichbarer Funktionsverlust mit einer gesunden Niere weniger Symptome auslöst, als mit zwei kranken Nieren. Es gibt aber Studien, die darauf hinweisen, dass Nierenlebendspender mit typischen Folgen der Nierenunterfunktion zu kämpfen haben. Laut AQUA-Register (Daten 2011) verlassen 75 % der Nierenlebendspender das Krankenhaus mit einer Nierenunterfunktion CKD III. Nachdem wir auf diesen Umstand hingewiesen haben, werden diese Daten nicht mehr veröffentlicht! Zudem gibt es genügend Berichte über chronische Müdigkeit und Erschöpfung von Spendern nach einer Nierenlebendspende.
Leider stehen Transplantationsmediziner nach wie vor auf dem Standpunkt, dass bei einem Spender mit solchen Werten nicht die Symptome eines gleichwertig „normalen“ Kranken auftreten. Dafür gibt es weltweit nicht einen einzigen Beleg und trotzdem vertritt die Transplantationsmedizin vehement diese Meinung. Wir halten das für dreiste Vertuschung. Ernsthafte Einschränkungen in der Lebensqualität der Lebendspender, die es tatsächlich gibt, müssen so nicht anerkannt werden. Notwendige juristische Konsequenzen bleiben daher der Medizin, der Politik und der Öffentlichkeit erspart. Aus diesem Grund sind bereits mehrere Gerichtsverfahren gegen deutsche Transplantationskliniken anhängig oder in Planung (Stand April 2018 zwei Verfahren beim BGH). Anders scheint keine Veränderung im Umgang mit Nierenlebendspendern möglich zu sein.
Selbst in medizinischen Lehrbüchern wird erwähnt, dass bereits bei leichter Nierenfunktionseinschränkung Symptome wie Müdigkeit auftreten können (z. B. Thieme, Nephrologie). Eine mindestens leichte Nierenfunktionseinschränkung haben aber nahezu alle Spender.
Daher kann der Leitfaden zur Fatigue bei CKD uneingeschränkt auch auf Nierenlebendspender übertragen werden. Besonders bemerkenswert ist der eigene wenig offene Umgang der Patienten mit ihrer einschränkenden Müdigkeit. Einige haben Angst, als Schwächlinge dazustehen. Andere schieben es auf ihr Alter und werden nicht selten hierbei von Ärzten unterstützt. Weitere drücken sich so aus, dass Ärzte nicht weiter nachfragen. Diese Leitlinie berät Ärzte, wie sie das Symptom Müdigkeit erfragen können und somit mögliche Therapien einleiten können. Insbesondere für Lebendspender gilt dies, denn selbst wenn man als Lebendspender vehement auf die Müdigkeitssymptomatik verweist, wird von Ärzten der Zusammenhang mit der Nierenlebendspende abgestritten – auch wenn Fatigue/Müdigkeit erstmals exakt seit der Spende auftrat. Dafür haben wir reale Beispiele gesammelt.
Für die Ärzte, die nun eine Anämie bei Hämoglobinwerten im unteren Normbereich negieren, empfehlen wir die Lektüre der aktuellen Studie „Exertional Fatigue in Patients with CKD“ (AJKD 2012) auf unserer Homepage. Dort wurde Fatigue bei Nierenkranken untersucht und man stellte fest, dass selbst bei sehr milder Anämie aus bislang unbekannten Gründen der kompensatorische Mechanismus des erhöhten Herzschlagvolumen (um den Sauerstofftransport in die Zellen zu gewährleisten) bei diesen Patienten nicht funktioniert. Somit traten trotz milder Anämie erhebliche Probleme in der Sauerstoffversorgung und ein überwiegend anaerober Stoffwechsel selbst bei Alltagstätigkeiten auf – mit der logischen Folge einer stark erhöhten Belastungsmüdigkeit.
Bei der Behandlung von bereits mild oder moderat nierenfunktionsgestörten Patienten – dies schließt die meisten Nierenlebendspender ein – ist unbedingt zu beachten:
Nicht nur bereits leicht niedrige, sondern auch „noch“ normale Hämoglobinwerte können einen gestörten Sauerstofftransport zu den Zellen und eine daraus resultierende Belastungsmüdigkeit (bzw. fatigueartige Symptome) zur Folge haben.
Schlussbemerkung
Die genauen Ursachen der nierenbedingten Müdigkeit sind nicht bekannt und sehr wenig erforscht. Die milde bis starke Anämie ist die „greifbarste“ Veränderung, deren Behandlung oftmals die schlimmsten Symptome mindern kann. Jedoch gibt es auch Fatigue bei Nierenproblemen, deren Ursache nicht in der Anämie zu finden ist und die bislang weitgehend unerforscht ist. Fakt ist, dass die Niere für komplexe hormonelle Vorgänge im Körper verantwortlich ist, bei welchen schon kleine Veränderungen der Parameter eben diese und weitere Symptome hervorrufen kann.
Da auch Nierenlebendspender mit einer normalen Nierenfunktion über fatigueartige Symptome klagen, werden u. a. folgende, sich auch überlagernde, Ursachen der fatigueartigen Symptome (inzwischen auch von befragten Ärzten) diskutiert:
- Nierenfunktionseinschränkung, dadurch (auch milde) Anämie, Vitaminmangel, Homocysteinämie, kardiovaskuläre Erkrankungen, u. v. a.
- Organverlust, dadurch Verlust der Hälfte der hormonellen und metabolischen Funktion des Organs „Niere“. Umstellung des Hormon- und Stoffwechselhaushaltes mit kausalen negativen Konsequenzen auf weitere Körperfunktionen (Schilddrüse, Darm, Gehirn etc.).
- Trennung der Nierennerven kann zur asymmetrischen Aktivierung des autonomen Nervensystems führen. Sympathikus und Parasympatikus geraten aus dem Gleichgewicht. Dadurch Störung von Neurotransmitter im Nervensystem, die für die einwandfreie Informationsübertragung verantwortlich sind.
Die Diskussion um die fatigueartigen Symptome nach einer Nierenlebendspende dreht sich auch immer wieder um das sogenannte „Chronik Fatigue Syndrom“ (CFS). Dieses beruht jedoch auf weitestgehend unbekannten Ursachen und wird durch eine sogenannte Ausschlussdiagnostik eingegrenzt. Auch beim CFS liegen, nach überwiegender fachmedizinischer Auffassung, hormonelle und metabolische Veränderungen im Körper vor.
Daher sprechen wir bei der die Nierenlebendspender betreffenden Symptomatik ausdrücklich nicht von CFS, sondern von ähnlichen „fatigueartigen Symptomen“. Wie die oben aufgeführten möglichen Ursachen zeigen, liegen für die Krankheitssymptomatik der betroffenen Nierenlebendspender eindeutige Vermutungen, oder bekannte biologische Erklärungen vor.