29. Juli 2016
Erfahrungsbericht Lebendnierenspende von
Michael Gockel
Ich wundere mich, dass in Ihrem Forum nur kritische Stimmen zu Wort gekommen sind und weiß nicht, ob der Eindruck, der dadurch entsteht, der Wirklichkeit entspricht. Vor mittlerweile sieben Jahren habe ich, heute 72 Jahre alt, einem Verwandten eine Niere gespendet. Zu sagen, dass es mir seitdem besser ginge, wäre nicht richtig, aber zu sagen, es ginge mir seitdem schlechter, wäre ebenfalls nicht richtig.
Richtig ist, dass es mir nach der Operation genau so geht wie vor der Operation, nämlich gut. Nur dem Empfänger der Niere geht es besser, er muss nicht mehr alle zwei Tage eine siebenstündige Dialyse über sich ergehen lassen müssen.
Natürlich hatte ich nach der Operation Wundschmerzen, aber die waren wegen der Minimal-Invasiven Operationsform erträglich, und an meinem Bauch kann man heute die Operationsnarben nur noch kaum erkennen. Die Nephrologie betreut mich als Spender einmal jährlich vorbildlich, meine Blutwerte entsprechen alle, auch der Kreatininwert, den angegebenen Sollwerten. Der Blutdruck beträgt 120:80 und ich bin weder müde noch antriebslos.
Wenn man mich fragen würde, ob es richtig war, die Niere gespendet zu haben, und ich, hätte ich wieder zwei Nieren, es noch einmal tun würde, gäbe es nur eine Antwort: JA
Sehr geehrter Herr Gockel,
tatsächlich erreichen uns fast ausnahmslos kritische Stimmen. Dies ist auch wenig verwunderlich, weil wir uns ausdrücklich als Interessenvertretung für beschädigte Nierenlebendspender gegründet haben. Wie Sie nach Studium unserer Webseite wissen, sind etwa ein Drittel bis zur Hälfte aller Nierenlebendspender von negativen Folgen der Nierenlebendspende betroffen. Zu den gesundheitlichen und häufig finanziellen Folgen kommt eine immer noch völlig unzureichende versicherungsrechtliche Absicherung. Diesen geschädigten Menschen geben wir als erster und einziger Verein eine Stimme.
Eine unserer Hauptaufgaben ist die Aufklärung über die Risiken, bevor sich ein Mensch zu diesem Schritt entschließt. Im Rahmen dieser Aufklärung setzen wir auch eigene Empfehlungen ein, die auf uns vorliegenden Studienergebnissen und unseren persönlichen Erfahrungen beruhen. Unsere Arbeit wurde kürzlich vom Bundesgesundheitsminister Gröhe persönlich gelobt.
Dass Sie über keine spürbaren Einschränkungen berichten können, ist sehr erfreulich. Wenn Sie sich unser Evaluationsempfehlungen ansehen, dann werden Sie feststellen, dass Sie zu einer Gruppe potenzieller Spender gehörten, deren Risiko auch von uns als gering eingeschätzt wird. Sie sind zum Zeitpunkt der Spende 65 Jahre als gewesen. Ihre Gesamtlebensumstände dürften einer Spende nicht im Wege gestanden haben.
Dennoch führt der Nierenverlust immer zu einer Schwächung der gesundheitlichen Disposition. Und sei es nur, dass der Zeitpunkt der altersgemäß möglicherweise eintretenden Nierenerkrankung vorgezogen wird. Eine sinkende Nierenfunktion, wie sie nach der Spende immer eintritt, erhöht zudem das kardiovaskuläre Krankheitsrisiko. Ich gebe Ihnen völlig recht, wenn Sie jetzt sagen sollten, dass diese Umstände für Sie persönlich auf Grund Ihres Lebensalters keine Rolle spielen.
Für jüngere Menschen, die täglich beruflich oder familiär körperliche und geistige Höchstleistungen erbringen müssen, oder die sich gerne besonderen sportlichen Herausforderungen stellen und die noch viele Jahre ihres Lebens vor sich haben, ist eine Nierenlebendspende wegen der zu erwartenden körperlichen Einschränkungen und gesundheitlichen Risiken nicht zu empfehlen!
Tatsächlich sind viele Nierenlebendspender nach der Spende nicht nur auf dem Papier behindert oder sogar schwerbehindert!
Mit besten Grüßen
Ralf Zietz
1. Vorsitzender