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29. Juli 2024

Der ganz normale Irrsinn auf dem Weg zur Nierenlebendspende. Dieser umfassende Bericht ist auch deshalb so erschütternd, weil es kein Einzelfall darstellt!

 

29. Juli 2024

Sehr geehrter Herr Zietz,


hier ist mein Bericht. Ich habe versucht, so anonym wie möglich zu bleiben, was mir sicher nicht immer gelungen ist. Vielleicht können Sie es in Teilen veröffentlichen oder die Passagen herausnehmen, die Sie für nicht so wichtig halten. 

Ich bin gerne weiterhin bereit, mit Spendewilligen zu telefonieren, wenn jemand Hilfe braucht und sich nicht sicher ist. Man ist schon sehr allein…

Meine Erfahrungen:

Ich habe nicht gespendet, obwohl ich sehr überredet wurde, meine Niere zu spenden. Im Laufe der Untersuchung stellte sich heraus, dass ich nicht so gesund bin, wie es für eine Spende sein soll. Unser gesamtes Verfahren war leider recht konfus und von widersprüchlichen Aussagen verschiedenster Ärzte begleitet. 

Vor einigen Jahren wurde bei meinem Mann eine entzündliche Erkrankung der Nieren festgestellt. Uns wurde gesagt, dass er früher oder später in der Dialyse landen und eine Spenderniere brauchen wird. 

Wir haben uns leider nur sehr wenig mit dem Thema beschäftigt, außer den üblichen Beiträgen in den Medien, dass man seine Niere spenden kann und das alles irgendwie kein Problem darstellt. Schließlich kann man mit einer Niere leben, nicht wahr?

Von Anfang an war allerdings im Raum, dass ich eine Niere spenden könnte. 

Wir haben uns ein paar Jahre nicht weiter darum gekümmert, schließlich waren die Werte meines Mannes immer gleichbleibend. Dann ging es plötzlich letztes Jahr sehr schnell, innerhalb von ein paar Tagen akutes Nierenversagen. Im Krankenhaus wurde noch einmal über Rituximab (Erklärung: Antikörper, der zur Behandlung von bestimmten Autoimmun- und Krebserkrankungen eingesetzt wird) diskutiert, biopsiert und schließlich dialysiert. 

Mein erstes Gespräch mit einem Arzt auf dem Zimmer meines Mannes verlief folgendermaßen:

Der Arzt sagt: “Wo bekomme ich jetzt eine Niere her?“ Ich antwortete (ganz und immer noch unter dem Eindruck, wie einfach das ja ist) “Ich könnte es mal versuchen.”

Es wurde festgestellt, dass wir inkompatibel sind. Der Arzt meinte dann recht resolut: “Inkompatibel ist schlecht, wenn ich Pech habe, habe ich hier zwei Nierenkranke sitzen!”

Ich muss sagen, dass das der ehrlichste Satz war, den ich lange Zeit zu hören bekommen habe. 

Aber von Anfang an wurde der Eindruck vermittelt, Dialyse ist schlecht, eine Spenderniere ist der Ausweg, das Heilmittel. 

Meinem Mann ging es während der ersten Dialysen nicht sehr gut. Von Erbrechen über Fieber über Kopfschmerzen, Schüttelfrost: Es war sehr schwierig mit anzusehen. 

Keiner der Ärzte hat uns auf Dialyse vorbereitet, keiner hat mit uns Aufklärungsgespräche geführt. Natürlich hat uns auch keiner gesagt, dass der Körper Zeit braucht, sich auf Dialyse einzustellen. Es wurde immer gesagt: Dialyse ist schlecht, eine Spenderniere holt ihn da raus.
 
Heute, nach Monaten, geht es meinem Mann recht gut, den Umständen entsprechend natürlich. Aber er hat sich an die Dialyse gewöhnt, nach ca. zwei bis drei Monaten stellte sein Organismus auf Dialyse um. Natürlich gibt es auch noch schlechte Tage, aber das Bild, das wir am Anfang davon hatten, hat sich jetzt gewandelt. 

Mich als potentiellen Spender anzumelden ging recht schnell. Ich bekam im Transplantationszentrum eine Patientenmappe “Nierentransplantation”, unterschrieb eine “Einwilligung zur Evaluation und Vorbereitung zur Nierenlebendspende” und einen Bogen mit Untersuchungen, die ich entweder selbst bei niedergelassenen Ärzten durchführen lassen konnte oder in der Uniklinik. Ich habe sämtliche Befunde, die ich bis jetzt erhalten hatte, abgegeben. 

In den Unterlagen steht: “…(dass) eine Nierentransplantation daher keinen unmittelbar lebensrettenden Eingriff darstellt …” und “…kann eine erfolgreiche Nierentransplantation zu einer Verbesserung der Lebensqualität und auch Verlängerung der Lebenserwartung des Patienten führen.”

Dann… “Mir wurde erklärt, dass im Rahmen einer Vollnarkose und eines chirurgischen Eingriffes eine gesunde Niere entfernt wird.”

Dann folgten ein paar der möglichen Nebenwirkungen und Komplikationen. 

Wir hatten gleich zu Beginn ein Gespräch mit Prof. X, indem es hauptsächlich um die Möglichkeit der inkompatiblen Spende ging (Ja, es ist sehr gut möglich…), er müsse immunsupprimiert werden und dann kam die Aussage: “dann wäre es sinnvoll wegen der Infektionsgefahren im Herbst und Winter, dass wir die Transplantation im Frühjahr machen.” Ich war ziemlich erstaunt, dass es so schnell gehen sollte. Mein Mann hat diesen Satz leider sehr wörtlich genommen. Ich muss nicht so lange an die Dialyse! Nächsten Sommer habe ich mein Leben zurück!

Und es wurde eine Reihenfolge vorgegeben, zuerst die Untersuchungen, dann das Aufklärungsgespräch, das Gespräch mit einem Psychologen, das Gespräch mit dem Chirurgen (dann könnte man auch gleich den OP-Termin festlegen) und dann die Ethikkommission. 

Die ersten Untersuchungen wurden bei mir begonnen. Auf dem Laborblatt waren einige Werte außer der Norm. Der GFR wurde mit 99+ angegeben. Alle jubilieren. Die Antikörperwerte meines Mannes seien auch “niedrig”. Alles wunderbar. 

Mit einem Arzt habe ich unter vier Augen bis dahin nicht gesprochen. Also bitte ich um ein Gespräch. 

Ich bekomme einen Termin mit Prof. X. Das Gespräch verläuft nett. Toll, dass ich das mache. Der Spender steht im Mittelpunkt. Seine Sicherheit ist am wichtigsten. Ich habe eine tolle Nierenfunktion. Die Werte, die außer der Reihe sind nur marginal und unwichtig (wie wir gesehen haben, stimmt das nicht). Die Erkrankung meines Mannes kann nicht auf meine Niere übergehen (leider auch das nicht richtig, ein anderer Nephrologe später meinte, dass das sehr wohl meine Niere angreifen kann), es werden viele Spender abgewiesen wegen ihrer unzureichenden Gesundheit (ich ja dann auch). Alles sehr positiv und aufbauend. 

Ich gehe durch mehrere Untersuchungen, alle Ärzte: Toll, dass Sie das machen. Aber trotzdem alle eher zurückhaltend, wenn ich mal gefragt habe, was ist das eigentlich, was passiert hier? Welche Befunde sind wichtig? Macht das Sinn, dass ich das mache? Keine oder nur verhaltene Antworten. 

Ich rufe meine Krankenversicherung an. Ich bin ein Held, super. Alles, was mit der Spende zu tun hat, wird von der Krankenkasse meines Mannes übernommen. Prima, aber was ist, wenn ich Probleme bekomme. Plötzlich wird man auch sehr zurückhaltend. Eine direkte Antwort habe ich nicht bekommen. Es gibt ja auch noch die Landesunfallkasse.

Auch ein Gespräch mit meiner Haftpflichtversicherung verläuft ähnlich zweideutig. Allerdings wird mir dort recht deutlich mitgeteilt, dass es für mich schwierig sein wird, jetzt und nachher weitere Versicherungen abzuschließen. Jetzt unter der Prämisse, dass ich mich verletzen werde und nach der Entnahme, dass ich mich verletzt habe. Es muss doch mehr Menschen geben, die das gemacht haben? Ich kann doch nicht der einzige sein? Frage ich. Doch im Moment kennen sie bei meiner Versicherungsagentur niemand, der sowas gemacht hat. Aber ich bin ein Held. 

Bei den Untersuchungen kommen noch zwei Befunde heraus, die mich beunruhigen. Auf meine Nachfrage in der Transplantationskoordination, ob das so in Ordnung sei, hieß es fröhlich: Der Professor hat es abgehakt.

Was bedeutet das? Dass er es gelesen hat? Dass es in Ordnung ist? Kein Arzt spricht mit mir. Gegen Ende der Evaluation darf ich Einblick in meine Mappe haben. Es fehlen Befunde, die ich abgegeben habe. Von anderen Universitätskliniken und Spendern habe ich erfahren, dass diese jetzt fehlenden Befunde nicht unerheblich sind. Aber in meiner Akte sind sie nicht mehr.

Richtig aufmerksam geworden bin ich ehrlich gesagt durch das Gespräch mit dem Psychologen. Ein bereits terminiertes Aufklärungsgespräch mit Prof X wurde wieder abgesagt, als wir bereits vor Ort waren. Er habe keine Zeit.

Der Psychologe soll herausfinden, ob wir tatsächlich verheiratet sind, kein Geld versprochen wird und kein Druck ausgeübt wird.

Ich sage ehrlich, die ganze Situation ist ein einziger Druck. Welcher Mensch geht schon einfach und fröhlich in den OP-Raum und lässt sich ein Organ entnehmen? Das Leiden, das man bei seinem Partner sieht, dass man viele Dinge nicht mehr tun kann, die man vorher gemacht hat, das soll kein Druck sein? Dass Dialyse so furchtbar ist und meine Niere das Einzige ist, was ihn da rausholt? Dass man ständig erzählt bekommt, wie wunderbar das ist, aber keiner redet richtig mit einem?

Unsere familiären Verhältnisse werden abgefragt. Auch die sind nicht so ideal, z. B. kein größerer Verwandtenkreis.

Der Psychologe bespricht dann medizinische Nebenwirkungen, die mir sonst auch niemand vorher sagte. Was passiert, wenn ich Krebs bekomme? Ich fange immer mehr an zu grübeln.

Die Transplantationskoordination hat die Ethikkommission terminiert. Da Prof X abgesagt hat, frage ich den Psychologen, ob es überhaupt in Ordnung ist, zu diesem Termin zu gehen. Der Psychologe bietet mir an, den Termin zu verschieben, schließlich soll erst das Aufklärungsgespräch sein. Ich solle mir darüber Gedanken machen. 

An dem Tag gebe ich wieder eine Urin- und Blutprobe ab. Die fraglichen Werte sind immer noch da. Was soll ich tun? Eine Sekretärin kommt und sagt, ein Nephrologe habe drüber geschaut, ich solle zum Hausarzt gehen. Bin ich in der Uniklinik nicht bei Ärzten? Geht man dann so mit Spendern um, die “ein Problem” haben? Jetzt, Wochen später sagt mir z. B. ein Nephrologe: mit sowas geht man nicht zum Hausarzt. Es brauchte einen niedergelassenen Nephrologen, der einen Test gemacht hat und feststellte, dass diese anomalen Werte aus meinen Nieren kommen. “Wir können Ihnen doch so keine Niere wegnehmen“, sagt er.

Wohlgemerkt, die Uniklinik wollte schon den OP-Termin festlegen.

Aber weiter: Nach dem Besuch beim Psychologen beginne ich richtig zu recherchieren. Ich spreche mit Spendern und Empfängern, manche sehr dafür, machen sehr dagegen. Jeder Fall ist individuell, meiner ist sicher auch nicht die Regel, aber eines ist klar: So einfach ist es nicht, für den Spender nicht und bei inkompatiblen auch nicht für den Empfänger. Auf meiner Suche stoße ich auf die Interessengemeinschaft Nierenlebendspende e. V.. Hier stehen Dinge, die ich erlebt habe und Dinge, bei denen ich mir vorstellen kann, dass sie mir zustoßen könnten.

Ich führe ein langes und sehr aufschlussreiches Gespräch mit Herrn Zietz. 

Danach rufe ich den Psychologen nochmal an. Dieser reagiert etwas verwundert, natürlich kann er sich dafür einsetzen, dass der Termin der Ethikkommission verschoben wird. Ob mein Mann wisse, dass ich anrufe? Muss er das wissen? Darf ich ohne seine Erlaubnis nicht mit dem Psychologen sprechen, wenn doch der Spender geschützt werden muss? Alles klingt anders als beim ersten Gespräch, ich habe eher das Gefühl, das erste Gespräch missverstanden zu haben.

Wie lange hält eine Spenderniere überhaupt? Ein Arzt sagt zu mir: Ist ja toll, dass Sie das machen, eine Spenderniere hält so im Mittel 10 bis 15 Jahre, danach (sagt er etwas zynisch) geht für Ihren Mann wieder alles von vorne los, die Dialyse, das ganze Theater… Er sagt es nicht, aber es liegt zwischen den Zeilen: Und Sie haben dann nur noch eine Niere.

Als ich später einem wieder anderen Nephrologen von dem Gespräch berichte, wird er aufgeregt. Das dürfe der Kollege gar nicht sagen! Und, frage ich, wie lange hält denn eine Spenderniere? 

Die Antwort: Zwischen einer Minute und dreißig Jahren. Bin ich ungebildet, wenn ich denke, dass 10 bis 15 Jahre irgendwo in der Mitte davon liegen könnten?

Entgegen der Aussage des Psychologen kommt eine Einladung zur Ethikkommission. Das Aufklärungsgespräch hat bis zu dem Termin nicht stattgefunden.

Mein Mann und ich diskutieren hin und her, sollen wir dahin gehen? Uns wurde gesagt, dass man dort andere Spendenwillige treffen und sprechen kann. Das ist eigentlich das Einzige, was mich im Moment an dieser Kommission interessiert.

Also fahren wir hin.

Dies war unsere Ethikkommission:

Es waren drei Vertreter dort: PD Dr. X, dann wurden sehr kurz ein “Experte Antikes Recht”, so stand es an der Wand, und ein Richter vorgestellt. Beide Namen gingen sehr schnell und ich habe sie mir nicht merken können. Es waren ein paar andere Spendenwillige und Empfänger da. Wir wurden begrüßt, dann fielen die üblichen Worte “wir sind pro-Spende” und “hier und heute ist der Spender das Wichtigste” und “wir haben Hochachtung vor Ihnen!”.

Es folgte eine kurzer Lichtbildvortrag mit mehreren Bildern, hinter jedem Bild wurde eingeblendet: „Wurden Sie darüber aufgeklärt?” 

Es wurden ein paar Dinge genannt, die ich auch bei meinen Recherchen nicht gefunden habe oder über die nur am Rande erzählt wurde, z.B. dass im Körper durch die fehlende Niere ein Hohlraum entsteht, der infektionsgefährdet ist. Dass die Versicherungssituation heute besser sei als noch vor 10 Jahren, was ich nun absolut nicht bestätigen kann. Wieder wird auf die Landesunfallkasse hingewiesen. Wie toll, dass es diese gibt!

Das Ganze dauerte vielleicht 15 min. Wir wurden dann vor die Tür geschickt und ich hatte Gelegenheit mit den Paaren zu sprechen, alles Blutsverwandte, in gesicherten familiären Umfeldern, der Spender immer älter als der Empfänger.

Dann waren wir dran.

Mein Mann sagte sofort, dass das Aufklärungsgespräch noch nicht stattgefunden habe. Ich sagte, dass bei mir noch nicht alle Untersuchungen abgeschlossen seien und meine Werte nicht so ideal seien und ich deshalb erstaunt über den Termin heute bin. Dr. X reagierte etwas hektisch, griff demonstrativ zum Telefon, wollte wohl in der Uniklinik anrufen, was ich dann aber ablehnte (was will er da jetzt erreichen?) und kam zu dem Schluss, naja wir können einen neuen Termin bekommen, in Xstadt in ca. einem Viertel Jahr und das hier ist eigentlich der letzte Punkt in der Reihe vor der Transplantation und dass das sehr ungewöhnlich sei, dass das vorgezogen ist, er würde das so nicht aus der Uniklinik kennen. Wir könnten uns den Termin allerdings auch sparen, indem er eine “vorbehaltliche” Empfehlung schreiben würde, sollte alles gut gehen, bräuchten wir dann keine Ethikkommission mehr zu besuchen.

Wir sagten beide, dass wir uns in unserer Uniklinik recht alleine gelassen fühlen, darauf bot man uns an, dass wir auch in eine andere Uniklinik wechseln könnten. 

Plötzlich trat der “Experte Antikes Recht” in Erscheinung, der sonst zu allem schwieg. Und der sagte zu mir wie mir schien leicht genervt: “Wollen Sie Ihre Niere spenden, ja oder nein? “

Ich sitze vor drei Fremden und neben meinem Mann. Meine Untersuchungen stehen noch an, ich höre seit Wochen nur widersprüchliche Aussagen. Ist das nicht eine Frage, die man mir unter vier Augen stellen sollte?

Ich sage: “Ich habe (Werte, die außer der Reihe sind), die Untersuchungen sind nicht abgeschlossen, wenn ich nicht gesund bin, dann natürlich nicht, und ich möchte erst alle Punkte geklärt haben.”

Es ist nicht zu fassen, er wieder:

“Wollen Sie: ja oder nein?“

Mir fehlen die Worte.

Da mischt sich der Richter ein, steht sogar vom Stuhl auf: “Also, egal was passiert, Sie können jederzeit Ihre Einwilligung widerrufen, Sie können vom OP-Tisch aufstehen und gehen, solange die Narkose noch nicht wirkt, können Sie immer und jederzeit nein sagen.”

Der “Experte” sagt nichts mehr.

Dann geht es recht schnell, man beschließt, eine “vorbehaltliche” Empfehlung zu schreiben.

Wir gehen zum Auto und im Auto kommen mir erst mal die Tränen. Wie viel emotionale Belastung da drin steckt, die ganze Krankengeschichte meines Mannes, die Vorbereitung, die widersprüchlichen Aussagen, das merkwürdige Verhalten in der Uniklinik, meine Zweifel… Mein Mann versucht mich zu beruhigen. Ich beruhige mich wieder. Wir fahren nach Hause. 

Es ist klar, dass die Ethikkommission lediglich entscheidet, ob ich das “freiwillig” mache, kein Geld dafür bekomme, wir in einer Beziehung zueinander stehen und ich nicht den Eindruck mache, dass ich geistig unterentwickelt bin, mehr leistet die Ethikkommission nicht, und dass natürlich dort Paare zu erscheinen haben, die sicher sind in ihrer Entscheidung. 

Dann haben wir den Termin beim Chirurgen. Danach sollen wir gleich den OP-Termin vereinbaren. An dem Tag sollen wir auch das Aufklärungsgespräch haben.

Wir fahren in die Uniklinik. Prof. X ist nicht da für das Aufklärungsgespräch. 

Ich werde ärgerlich. Ich bestehe darauf mit einem Arzt zu sprechen. Ja, wenn Sie das brauchen, sagt man mir. Ich möchte alleine mit dem Arzt sprechen. Dies wird mit Verwunderung aufgenommen. Warum möchte ich nicht mit meinem Mann zusammen das Gespräch führen?

Ich sage nein. Man bemüht einen Arzt herbei, der dann mit meinem Mann und danach mit mir spricht. 

Das Gespräch mit dem Arzt verläuft sehr professionell. Es ist endlich ein Gespräch, wie ich es brauche. Ich schildere meine Zweifel, dass meine Untersuchungen nicht fertig sind, dass meine Werte nicht im Normbereich sind. Wir stimmen darin überein, dass das erst geklärt werden muss. 

Dann findet das Gespräch mit dem Chirurgen statt.

Und das war das Beste, was ich gehört habe. Die Vorbereitung für eine inkompatible Niere ist sehr schwierig für den Empfänger. Es gibt keine Garantie, dass er von der Dialyse befreit wird. Antikörper können plötzlich und unvorhergesehen die Spenderniere angreifen und zerstören. Durch das massiv herabgesetzte Immunsystem ist die Gefährdung für den Empfänger sehr hoch, sich an allem zu infizieren, was für ein normales Immunsystem kein Problem darstellt. Dazu noch die ständige Angst, versagt die Niere jetzt bei dieser Infektion oder bei der nächsten? Ich erfahre, dass in der Uniklinik pro Jahr vielleicht eine Handvoll Transplantationen stattfinden. Ich bin sicher überzeugt, dass die Ärzte bei der Transplantation gute Arbeit leisten. Aber das Gefühl, ein Versuchskaninchen zu sein, werde ich bis heute nicht mehr los. 

Aber natürlich, man könnte es machen, wenn mein Mann und ich darauf bestehen würden. Mein Mann wird jetzt noch etwas nachdenklicher. Im schlimmsten Fall noch mehr Einschränkungen als sowieso schon mit der Dialyse? Immer wieder ins Krankenhaus müssen, weil man Grippe hat und dann die Vielzahl von Medikamenten, die man einnehmen muss? Noch viel mehr als jetzt schon? Und: Sein Organismus kann meine gespendete Niere zerstören.

Auf meine Frage, warum die anderen Ärzte das alles als so einfach und problemlos beschreiben (außer die Immunsuppression) wird mir gesagt:

Ach das sind Nephrologen, die wollen doch immer eine Niere haben.

Das Ganze ist jetzt beendet. Ich bin kein potentieller Spender mehr. 

Der ganze Prozess in unserem Fall war verwirrend und konfus.

Ich verstehe z. B. nicht, dass bei auffälligen Befunden einfach die teuren Untersuchungen nach Plan weitergelaufen sind. Man hätte sich ein paar Untersuchungen sparen können. “Frau X, diese Werte sind nicht so toll, schauen wir erst mal, was das ist, bevor wir weitermachen.” Mir wurde immer wieder gesagt, dass Spender gesund sein müssen. Für einen normalen Menschen bin ich sicher recht gesund, aber das ist keine Maß für die Gesundheit eines Spendewilligen. Ich habe sehr stark den Eindruck, wenn ich nicht auf die Aufklärung dieser Werte bestanden hätte, hätte man mich operiert. 

Dass der Spender das Wichtigste in diesem Prozess ist, kann ich für meine Erlebnisse dort nicht bestätigen. Ärzte erscheinen nicht zu Terminen, Befunde im Laufe der Evaluation werden nicht mit mir besprochen, es ist “immer alles in Ordnung”, der Ablauf der Evaluation war durcheinander. Es gab immer wieder widersprüchliche Aussagen. Es wurde gedrängt auf einen OP-Termin. Und immer diese Sätze: Wie toll, wie glücklich werden Sie sein nach der OP! Und: Man kann mit einer Niere leben.

Irgendwann habe ich angefangen, nicht mehr zu recherchieren, ob man mit einer Niere leben kann. Wenn man nur eine hat, muss man ja damit leben. Was soll man sonst tun? Ich habe danach recherchiert, warum haben wir zwei Nieren? Und da fand ich andere Antworten:

Zwei Nieren regulieren das Gleichgewicht, die Wärmeaustausch, regulieren Hormone wie Erythropoetin und Vitamin D, den Blutdruck, Krankheiten werden besser reguliert, der Knochenstoffwechsel, die Entgiftung usw. usw.

Ich denke, dass jeder Spender natürlich das Recht haben muss zu entscheiden und meine Erfahrungen sind sicher individuell zu betrachten. Aber es gibt ein paar Dinge, die man als Spendewilliger beachten sollte.

Die Interessengemeinschaft Nierenlebendspende hat das schon erläutert und ich stimme dem aus ganzem Herzen zu: Gesicherte familiäre Verhältnisse, ein optimaler Versicherungsschutz muss schon vor der Frage, ob man spenden möchte bestehen, der Spender sollte älter sein, ggf. auch nicht mehr arbeiten müssen oder in gesicherten finanziellen Verhältnissen leben. Dies waren auch meine Themen und sie sind keinesfalls zu unterschätzen.

Ich würde auch jedem Spendewilligen raten, zu verschiedenen Ärzten zu gehen und sich nicht nur auf das zu verlassen, was in den Transplantationszentren gesagt wird. Es ist sinnvoll, auch verschiedene Nephrologen aufzusuchen und andere Fachärzte, z. B. Hämatologen und Neurologen. Es kann sehr hilfreich sein, was fachübergreifend zu dem Thema gesagt wird. Ein Austausch mit Menschen, die gespendet haben, ist unumgänglich. Und: Man darf sich auch nicht abweisen lassen. Bestehen Sie auf Gespräche mit den Ärzten! Weisen Sie auf Widersprüche hin! Wir dürfen keine Versuchskaninchen sein.

Die psychische Belastung, die durch eine Nierenspende in einer Beziehung und/oder Familie entstehen kann, muss vorher durchgesprochen werden. Was passiert, wenn der Empfänger krank wird? Wenn die Niere nicht so funktioniert und der Empfänger ggf. doch dialysiert werden muss? Mit welcher Erwartungshaltung geht man in die Transplantation? Ich denke, dass für manche Spender-Empfänger-Paare eine psychologische Begleitung sicher Sinn machen kann. Da reicht das eine Psychologengespräch bei weitem nicht aus.

Wir warten jetzt auf eine Niere von Eurotransplant. Ich kann meinen Mann unterstützen, ohne selbst in Gefahr laufen, krank zu werden und ich kann arbeiten gehen. In unserem Fall war das die beste Lösung. 

Ich danke Herrn Zietz für das aufschlussreiche Gespräch. Ich konnte durch dieses Gespräch gefestigter mit den Ärzten sprechen und mit mir selbst sachlicher mit dem Thema umgehen lernen. 

Ich kann nicht genug betonen, dass Sie und Ihre Interessengemeinschaft herausragende Arbeit leisten und ich sehr froh bin, dass ich Ihre Webseite gefunden habe!

Sehr geehrter Herr Zietz, ich hoffe, es geht Ihrer Frau und Ihnen soweit gut.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre sehr wichtige Arbeit. Sie können mich gerne weiterhin erreichen, wenn Sie noch Fragen haben oder ein Spendewilliger sich in einer ähnlichen Situation befindet.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen

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