2013 – Auswirkungen einer Lebendnierenspende
im prä-post-Vergleich
Quelle: Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Medizin (Dr. med.) für das Fachgebiet Humanmedizin vorgelegt der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2013
Auswirkungen einer Lebendnierenspende im prä-post-Vergleich auf das somatische, psychosoziale und physische Belastungserleben und die Beziehungsqualität von Spendern und Empfängern
Autor: Weiß, Johanna Franziska
Zielsetzung: Diese Arbeit soll untersuchen, inwieweit sich das physische und psycho-soziale Leben von Spendern und Empfängern nach einer Lebendnierenspende verändert, wie sich die Beziehung zwischen Spendern und Empfängern entwickelt und welche Auswirkungen diese Veränderungen auf ihre Lebenszufriedenheit und Lebensqualitäthaben.
Methoden: Befragung von 23 Spender-Empfänger-Paaren vor und nach der Spende bezüglich ihrer Beschwerden, psychosozialen Belastung und ihrer Beziehung zueinander. Als Untersuchungsinstrumente wurden 6 Selbstbeurteilungsbögen (Beschwerden-Liste,Symptom-Checkliste SCL-90-R, F-SOZU, Beziehungsfragebogen, SF-36, Fragebogen zur Lebenszufriedenheit) und ein 30-60 minütiges halbstrukturiertes Interview verwendet.
Kernaussage S. 65: Diese Studie zeigte, dass die LNTx nicht so risikoarm ist, wie von vielen Transplantationszentren behauptet wird. In fast allen prospektiv untersuchten Bereichen, dass heißt im Vergleich der Fragebögen vor und nach der Nierenspende, kam es in dieser Studie zur Verschlechterung der gemessenen Werte.
Obwohl in dieser Arbeit der Vergleich mit der Normalbevölkerung die Ergebnisse verfälscht (wie in den meisten bisherigen Studien), sind einige Sätze von hohem Interesse. Diese gegen wir hier wieder:
(LNTx = Lebendnierenspende)
S. 52/53 Bezüglich der finanziellen Probleme gaben im Fragebogen im Vergleich zum Interview (Anmerkung: vor der Spende) mehr Probanden an postoperativ finanzielle Schwierigkeiten zu haben. Davon meinten 2 (9,1%) Spender und 5 (21,7%) Empfänger ziemlich bis sehr starke, 3 (13,6%) Spender und 5 (21,7%) Empfänger ein wenig und 17 (77,3%) Spender und 13 (56,5%) Empfänger überhaupt keine finanziellen Schwierigkeiten zu haben.
Einige Spender beklagten zu früh aus dem Krankenhaus entlassen geworden zu sein, teilweise schon am 3. postoperativen Tag. Sie hätten sich noch länger eine intensivere Betreuung, vor allem in Bezug auf Mobilisation, nach der Nierenentnahme gewünscht.
Einem Teil der Nierenspender wurde postoperativ von ihrer Krankenkasse keine Anschlussheilbehandlung (AHB) genehmigt, welche jedoch sehr sinnvoll gewesen wäre zum Wiedereinstieg in das Alltagsleben, meinten einige Spender. Eine kleine Gruppe von Spendern, die eine AHB kurz nach der Organentnahme besuchten, meinten, dass sie lieber einen größeren Abstand zwischen OP und AHB gehabt hätten, da sie sich aufgrund der frischen Narbe in der AHB nicht richtig belasten durften. Als dann die Schonphase nach der OP vorbei war, hatten sie dann keine Hilfe mehr zur Mobilisationsanleitung, was ihrer Meinung nach den Rehabilitationsprozess verzögerte.
Beruflicher Status
Postoperativ waren 10 (45,5%) Empfänger und 6 (26,1%) Spender nicht mehr berufstätig. Davon waren 2 (9,1%) Empfänger und 3 (13,0%) Spender aufgrund des Alters in den Ruhestand eingetreten alle übrigen waren EU-Rentner (Anmerkung: 3 Spender (13 %) sind durch die LNTx erwerbsunfähig geworden). 6 (27,3%) Empfänger befanden sich noch in der Rehabilitationsphase. Alle übrigen Probanden waren bereits wieder berufstätig. Der Wiedereinstieg in die alte Arbeitsstelle, bzw. der Beginn einer neuen Arbeit lag bei den Empfängern nach frühestens 5 Wochen bis spätestens 12 Monaten. Bei den Spendern ist nach 3 Wochen bereits der erste wieder arbeiten gegangen, nach 3 Monaten der letzte, bei 4 (17,4%) Spendern lagen keine Zeitangaben des Wiedereinstiegs in den Beruf vor, jedoch waren sie berufstätig, wenn, zum Teil auch nur mit reduzierter Stundenzahl aufgrund ihrer Nebenerkrankungen, die nichts mit der LNTx zu tun hatten.
Eine Spenderin beschrieb einen extremen beruflichen Druck. Sie fühlte sich postoperativ nicht mehr so leistungsfähig, wie vor der Nierenspende. Ihr Chef jedoch nahm seine Erwartungen an sie nicht zurück, so dass sie fast täglich bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit arbeitete (Anmerkung: Dies ist leider sehr häufig nach LNTx der Fall!).
S. 65 Diese Studie zeigte, dass die LNTx nicht so risikoarm ist, wie von vielen Transplantationszentren behauptet wird. In fast allen prospektiv untersuchten Bereichen, dass heißt im Vergleich der Fragebögen vor und nach der Nierenspende, kam es in dieser Studie zur Verschlechterung der gemessenen Werte. Die psychische Symptombelastung und die körperlichen Beschwerden nahmen zu, die soziale Unterstützung nahm ab und die Beziehungsqualität zwischen Spender und Empfänger wurde schlechter. Des Weiteren traten zahlreiche Probleme und Komplikationen auf, die eine zusätzliche Belastung für die Probandenpaare darstellten. Eine intensive präoperative Aufklärung über mögliche postoperative gesundheitliche, berufliche und private Probleme, sowie eine postoperative psychologische Nachsorge zur Früherkennung von Befindensstörungen und eine Unterstützung bei der Problembewältigung können das LNTx-Ergebnis positiv beeinflussen.
Diese Werte wurden bei den Spendern postoperativ im Mittel schlechter:
psychische Symptombelastung, Somatisierung, Zwanghaftigkeit, Unsicherheit im Sozialkontakt, Depressivität, Ängstlichkeit, Aggressivität und Feindseligkeit, phobische Angst, paranoides Denken, Psychotizismus. Lediglich die pschosoziale Belastung nahm gegenüber den präoperativen Werten ab.
Der Forderung nach einer „intensiveren“ Aufklärung und Betreuung stimmen wir zu. Dass aber dadurch das Ergebnis positiv beeinflusst werden soll, obwohl es zu körperlichen und psychischen Schäden durch die Nierenlebendspende kommt, ist nicht nachvollziehbar. Eine LNTx schädigt den Spender. Das ist die wesentliche, uns nicht neue Erkenntnis dieser Arbeit.