05. Oktober 2014
Zuschrift einer potentiellen Nierenlebendspenderin, anonymisiert
Sehr geehrte Damen und Herren!
Ich überlege mir schon seit einiger Zeit, einem guten Freund meine Niere zu spenden. Bisher habe ich noch keine Untersuchungen spezifisch unternommen, und wollte sie nun fragen, ob es irgendeine sinnvolle Vorabsicherung gibt, die ich treffen könnte, bevor ich mich überhaupt auf den Weg mache.
Mein Freund hat mittlerweile einen schweren Herzinfarkt gehabt. Niemand aus seinem Familienkreis ist bisher bereit.
Ich bin 42 Jahre, gesund, habe Familie (drei schulpflichtige Kinder) und bin verheiratet, und deshalb hab ich auch immer gezögert, mich ernsthaft darauf einzulassen. Ich persönlich fühle mich dazu aber sehr in der Lage, und würde mich ganz freien Herzens dafür entscheiden.
Ich freue mich über eine Antwort,
Guten Tag Frau …,
die Sachlage und die Fakten sind sehr kompliziert. Ich würde mich daher gerne ausführlich mit Ihnen unterhalten. Haben Sie eine Tel.Nr. für mich? Wann kann ich Sie erreichen?
Als Erstes benötigen Sie eine Rechtsschutzversicherung, weil Sie für den recht wahrscheinlichen Fall eines Schadens von niemandem freiwillig Hilfe erhalten werden. Weder von der Transplantationsmedizin, noch von der Unfallkasse. Bitte denken Sie an die Wartezeit nach Abschluß der Versicherung, bevor Sie sich untersuchen lassen. Lassen Sie sich vor der Spende von der Krankenkasse des Empfängers schriftlich eine Reha zusichern.
Nach einer aktuellen Studie aus Norwegen (bei uns auf der Homepage) steigt die Sterblichkeit von Nierenlebendspender gegenüber gesunden Menschen, die spenden könnten, um 30 bis 40 %. Das Risiko selbst dialysepflichtig zu werden multipliziert sich mit Faktor sieben bis elf, gegenüber gesunden Nichtspendern.
Etwa die Hälfte der Spender ist niereninsuffizient, leidet an kardiovaskulären Erkrankungen. Jeder fünfte Spender hat bereits nach einem Jahr einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck.
Das Fatigue-Syndrom wird bei 5 bis 30 % der Spender beobachtet und geht bei vielen nicht mehr weg. Es ist medizinisch unerforscht und kaum behandelbar. Die Kosten für mögliche Linderungstherapien tragen Sie selbst.
Die Spende einer Niere führt ausnahmslos zu einem Nierenfunktionsverlust. Die Höhe des Verlustes ist nicht eindeutig vorhersagbar. Der Funktionsverlust führt u. U. zu Müdigkeit, Leistungsminderung und kognitiven Einschränkungen, wie Konzentrationsstörungen und Vergesslichkeit. Vermutlich führt der plötzliche Nieren- und Nierenfunktionsverlust zum Fatigue-Syndrom, welches je nach Höhe des bleibendem Verlustes vorübergehend oder dauerhaft auftritt.
Ich persönlich halte die Nierenlebendspende ethisch nur von Eltern für Kinder und in wirklich stabile Paarbeziehungen für gerechtfertigt.
Wenn Sie noch mehr wissen möchten, z.B. zu einigen Blutwerten, dann rufen Sie mich an.
Wenn Sie in meiner Email Emotionalität vermissen, ist das Absicht. Die offiziellen Darstellungen bauen ausschließlich auf Emotionen und verschweigen nach wie vor bewusst die Risiken. Wir argumentieren daher rein faktisch.
Existentielle Entscheidungen müssen zwingend mit Vernunft entschieden werden.
Eine Emotion würde ich dennoch ansprechen:
Denken Sie an Ihre Kinder
Ralf Zietz
Hallo Herr Zietz!
Danke für die schnelle Antwort, und ihre unemotionale Art. Sie haben viel Erfahrung, und ihre ethisch vertretbare Ansicht ist ehrlich und klar formuliert. Ich werde mir alles noch sehr gründlich überlegen, und falls es mir doch ernst ist, gebe ich ihnen meine Nummer.
Herzliche Grüße,