Fatigue bei Nierenlebendspendern
im Vergleich zu einer Stichprobe der
deutschen Allgemeinbevölkerung:
eine explorative Studie
Fatigue nach Nierenlebendspende: Warum die Allgemeinbevölkerung keine ausreichende Kontrollgruppe ist
Quelle: Frontiers in Psychiatry 15 (2024), Artikel 1510738, online veröffentlicht am 30.01.2025
Autoren: Dilek Akkus, Adrian Westenberger, Gunilla Einecke, Wilfried Gwinner, Uwe Tegtbur, Mariel Nöhre, Martina de Zwaan
DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1510738
Kurzauswertung
Die explorative Querschnittsstudie verglich die Fatiguewerte von 358 deutschen Nierenlebendspendern im Mittel 7,7 Jahre nach der Spende mit denen von 1.896 Personen aus der Allgemeinbevölkerung. Erfasst wurden verschiedene Dimensionen der Erschöpfung anhand des standardisierten Fragebogens MFI-20. Verglichen wurden unter anderem nach Alter und Geschlecht gebildete Gruppen.
Im Durchschnitt berichteten die Spender über niedrigere Fatiguewerte als die allgemeine Vergleichsgruppe. Eine wichtige Ausnahme bildeten 45- bis 54-jährige Spenderinnen, die bei allgemeiner Fatigue deutlich höhere Werte aufwiesen als gleichaltrige Frauen der Vergleichsgruppe. Innerhalb des Spenderkollektivs waren stärkere Erschöpfungswerte unter anderem mit Reue über die Spende, finanziellen Belastungen, ungünstigen Veränderungen der Empfängerbeziehung und einer negativ wahrgenommenen Gesundheit des Empfängers assoziiert.
Wissenschaftliche Einordnung und Grenzen
Der grundlegende methodische Mangel liegt in der Auswahl der Kontrollgruppe. Nierenlebendspender werden vor dem Eingriff streng gesundheitlich ausgewählt, die Allgemeinbevölkerung schließt hingegen Menschen mit zahlreichen bestehenden Erkrankungen ein. Ein im Mittel günstigerer Fatiguewert nach der Spende ist deshalb kein Nachweis dafür, dass die Spende keine Fatigue verursacht. Auch eine Alters- und Geschlechtsanpassung kann diese gesundheitliche Vorselektion nicht beseitigen.
Es fehlen Fatiguewerte vor der Spende und eine ähnlich gesunde, nicht spendende Vergleichskohorte. Eine Querschnittserhebung rund acht Jahre nach dem Eingriff kann neu entstandene Beschwerden nicht sicher von bereits zuvor vorhandenen Beschwerden abgrenzen. Hinzu kommt, dass die Spenderdaten 2016/2017 und die Vergleichsdaten 2021 erhoben wurden. Der MFI-20 misst Symptomschwere, ersetzt aber keine individuelle Diagnostik eines Fatigue-Syndroms.
Bewertung aus Sicht der IGN e. V.
Die IGN hält die Studie in ihrer Aussage zu möglichen Spendenfolgen für begrenzt aussagekräftig. Aus den niedrigen durchschnittlichen Fatiguewerten darf weder eine Entwarnung noch eine Ablehnung individueller Schadensfolgen abgeleitet werden. Die auffälligen Werte Spenderinnen mittleren Alters sind gerade vor dem Hintergrund der gesundheitlichen Vorselektion ernst zu nehmen.
Für die Aufklärung und Nachsorge sind prospektive Untersuchungen mit Ausgangswerten vor der Operation und einer gesunden, vergleichbar ausgewählten Kontrollgruppe erforderlich. Besonders belastete Spender müssen auch dann erkannt und versorgt werden, wenn der Mittelwert der Gesamtgruppe günstig erscheint. Die bereits veröffentlichten prospektiven SoLKiD- und KDOC-Ergebnisse sollten bei dieser Einordnung mitberücksichtigt werden.
Originalveröffentlichung: https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1510738