Scroll Top
05. Februar 2024

Spenderin mit guter Erfahrung! Gibt es einen moralischen Druck? Darf es diesen Druck geben?

05. Februar 2024
Sehr geehrter Herr Zietz,
wir haben vor ungefähr einem Jahr miteinander telefoniert. Ich stand vor meiner Lebendnierenspende für meinen Bruder und erbat hilfreiche Tipps für das noch anstehende Psychologen Gespräch von Ihnen. Sie haben sich viel Zeit genommen und mir viel erläutert. Das Gespräch mit Ihnen hat mich verunsichert und lange beschäftigt.
Dann habe ich meinem Bruder vor einem Jahr eine meiner Nieren gegeben. Meinem Bruder geht es sehr gut und mir ebenso.
Sie sagten mir, es gebe keine moralische Verpflichtung. Ich glaube, dass es die doch gibt.

Mein kleiner Bruder ist bei mir aufgewachsen, unsere Mutter starb, als er 9 Jahre alt war. Ich habe mich stets um ihn gekümmert, wie um mein eigenes Kind. Für mich bestand also eine große moralische Verpflichtung. Wenn ich ihm nicht geholfen hätte und es ihm schlechter ergangen wäre, hätte mich das unglücklicher gemacht, als wenn ich selbst krank geworden wäre.

Ich habe mich gut und gründlich in das Thema eingelesen, ich bin selbst Medizinerin und kann die meisten Dinge also gut verstehen. Ich fühle mich durch die Ärzte an der XY Klinik sehr gut beraten und aufgeklärt und betreut. Der OP-Ablauf wurde uns gut und ausführlich erläutert und mein Bruder und ich teilten prä- und post-OP ein Zimmer miteinander.
Das war die emotionalste und aufregendste und beste Woche meines Lebens. Ich bin sehr dankbar, dass alles so gut verlaufen ist.
Ich konnte bereits nach 14 Tagen wieder in der Praxis arbeiten und 6 Wochen Post-OP konnte ich das volle Pensum von 60-80 Wochenstunden wieder leisten.

Ich bin genauso leistungsfähig wie vor der OP, aber ich bin so viel glücklicher und zufriedener als vorher.
In meinen Augen war es das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht, habe und mein Bruder hat jetzt eine gute Chance, sein Kind aufwachsen zu sehen und mit ihm ein normales Leben ohne Dialyse zu gestalten.
Ich wollte Ihnen mit dieser Mail nur sagen, dass es auch andere Beispiele als die von Ihnen genannten gibt – meine GFR liegt bei 78, meine Niere ist um circa 1/3 „gewachsen“ und leistet gute Arbeit.
Ich lebe gesünder als vorher, habe für die Spende 20 kg abgenommen und halte mein Gewicht, ernähre mich gesund und wache jeden Morgen lächelnd auf und danke dem Herrgott, dass es meinem Bruder so gut geht.
viele Grüße

07. Februar 2024
Liebe Frau M.,
für diese Mail möchte ich mich besonders herzlich bedanken!
Es ist sehr wichtig, dass wir auch positives Feedback erhalten. Naturgemäß wenden sich überwiegend Nierenlebendspender an uns, die schlechte Erfahrungen gemacht haben oder unsere Hilfe bei medizinischen oder rechtlichen Fragen benötigen.

Dass es bei Ihnen so gut verlaufen ist, ist außerordentlich erfreulich, denn es ist leider nicht selbstverständlich. Schon die Aufmerksamkeit, die Sie in der XY Klink bekommen haben, zeigt, dass sich etwas zum Positiven bewegt. Nicht zuletzt auch, weil wir seit Jahren den oftmals schludrigen Umgang mit potenziellen Nierenlebendspendern anprangern. Erst vor ein paar Tagen musste ich erneut ein Telefongespräch mit einer völlig aufgelösten potenziellen Nierenlebendspenderin führen, die sich ausgenutzt, missachtet und sehr schlecht beraten fühlte. Allerdings an einer anderen Universitätsklinik.

Dass es Ihnen ein Jahr nach der Spende wieder so geht wie vorher, ist ebenfalls sehr erfreulich. Die von uns ausgewerteten Studien bestätigen, dass es auch zu recht guten Erholungswerten kommen kann. Unsere Kritik fokussiert sich auf die viel zu große Minderheit von Spendern, die dauerhaft geschädigt zurückbleibt.

Nichtsdestotrotz bleiben Langzeitrisiken wie die verminderte Nierenfunktion, Bluthochdruck und eine leider auch später noch auftretende mögliche verminderte Leistungsfähigkeit. Weiterhin kann es im Krankheitsfall zu Problemen bei der Medikamentengabe kommen, z. B. bei Krebsmedikamenten, weil eine Niere mögliche Schädigungen dann nicht mehr gut abfedern kann.

Aber über diese Risiken sind Sie an der XY Klinik sicher aufgeklärt worden.

Ein wesentlicher Grund dafür, dass es Ihnen im Moment gut geht, ist Ihre Nierenfunktion. Ein GFR von 78 nach einer Spende ist ein sehr guter Wert. Ihre Gewichtsreduktion ist ganz sicher auch sehr hilfreich. Gratulation dazu. Das gelingt nicht jedem, zumal der Stoffwechsel nach einer Nierenentnahme sich verändert bzw. verlangsamt und dann eher ungewollte Gewichtszunahmen zu beobachten sind. Es gibt Spender, die werden mit einem GFR vor der Spende, der unter dem Ihrigen, den Sie nach der Spende haben, liegt, zur Spende zugelassen. Darum sind 50 % der deutschen Nierenlebendspender nach der Spende selbst nierenkrank. Häufig mit entsprechenden Symptomen.

Und auch wenn Sie nun persönlich gute Erfahrungen gemacht haben, rechtfertigt dies dennoch nicht, die Spende zu einer „moralischen Pflicht“ zu erheben. Die darf es nicht geben! Niemand ist „verpflichtet“, seine Gesundheit für jemand anderes zu riskieren. Niemand! Egal in welchem Verhältnis man zueinander steht. Ein moralischer Vorbehalt zum Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 (2) Grundgesetz) richtet sich gegen das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 (1) GG) und rüttelt an den Grundfesten unserer gesellschaftlichen Grundsätze von individueller Freiheit. Dagegen gilt es sich mit aller Kraft zu wehren.

Ein moralisches Pflichtgefühl ist niemals ein guter Ratgeber für eine Organlebendspende.

Das soll Ihre Entscheidung keineswegs abwerten. Im Gegenteil. Ihnen gebührt tiefer Respekt, dass Sie sich trotz Aufklärung und Risiken zu diesem Schritt entschieden haben. Denn dann wussten Sie, auf was Sie sich einlassen und können auch mit eventuellen Folgen besser umgehen. Auch dies wird übrigens durch Studien bestätigt. Je besser die Vorbereitung und Aufklärung, desto realistischer die Erwartungshaltung der potentiellen Spender und dies wiederum wirkt sich auch auf das subjektive Empfinden nach der Spende aus, so wie bei Ihnen.

Genauso ist es auch zu respektieren, wenn jemand eine Organlebendspende ablehnt und damit sein Recht auf körperliche Unversehrtheit wahrnimmt.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Bruder alles Gute. Passen Sie auf sich auf.
Mit freundlichem Gruß
Ralf Zietz

Privacy Preferences
When you visit our website, it may store information through your browser from specific services, usually in form of cookies. Here you can change your privacy preferences. Please note that blocking some types of cookies may impact your experience on our website and the services we offer.