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  • Nachfolgender Artikel von Heemann, Renders (München) wurde am 30. April 2012 in der Zeitschrift "Nephrol Dialysis Transplant (NDT)" unter dem Titel "State of living kidney donation in Europe" veröffentlicht. Obwohl wir nicht mit allen Aussagen einverstanden sind, enthält dieser Artikel klare Äußerungen über die gesundheitlichen Risiken und die Lebenserwartung von Nierenlebendspendern. Daher haben wir den Artikel von einem Fachübersetzer für medizinische Texte übersetzen lassen (Prof. Heemann hat eine übersetze Version zur Kenntnis erhalten). Hier nun die ungekürzte deutsche Version:


    Übersetzung Editorial Review NDT:
    State of living kidney donation in Europe“

    Redaktioneller Bericht

    Aktueller Stand der Nierenlebendspenden in Europa

    Uwe Heemann und Lutz Renders

    Abteilung für Nephrologie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München

    Korrespondenz und Anfragen nach Abdrucken an: Uwe Heemann; uwe.heemann@lrz.tum.de


    Zusammenfassende Übersicht
    Seit über zwei Jahrzehnten sind Lebendspenden ein wichtiger Bereich der Nierentransplantation. In diesem Artikel werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Lebendspenden quer durch Europa diskutiert, mit Schwerpunkt auf Spenderrisiken und Möglichkeiten der Unterstützung des Spenders, sowie Verbesserung der Spendenverfahren.

    Schlüsselwörter: Spenderprogramme; Europa; Nierentransplantation; Lebendspende

  • Warum Lebendspende?

     

    Während der letzten Jahrzehnte ist die Zahl der Lebendspenden deutlich gestiegen; dafür sind eine Reihe von Faktoren verantwortlich. In früheren Zeiten war die Transplantation ein etwas riskantes Unterfangen, das nur für relativ gesunde Patienten geeignet war. Und obwohl es Postmortem-Spender gab und diese eine begehrte Quelle darstellten, waren daher die Wartefristen relativ kurz, da die Zahl an Spendern ziemlich hoch war im Vergleich zu den relativ wenigen potenziellen Empfängern. Außerdem stellte die Dialyse eine so große körperliche Belastung dar, dass ältere Patienten kaum für die Behandlung in Betracht kamen. In der heutigen Zeit wurde nicht nur die Qualität der Dialyse erhöht, sondern der medizinische Fortschritt ganz allgemein, sodass sich das Weiterleben mit Dialyse deutlich verbessert hat und ältere Patienten in den meisten Ländern auf Dialyse gesetzt werden. Heutzutage stellen die Senioren den größten Anteil unter den Dialysepflichtigen dar.

     

    Andererseits ist die Zahl der potenziellen Postmortem-Spender zurückgegangen, nicht nur wegen besserer medizinischer Therapien, sondern auch wegen anderer umstandsbedingter Maßnahmen. In den meisten europäischen Ländern sind jetzt beim Autofahren Sicherheitsgurte oder beim Motorradfahren Schutzhelme vorgeschrieben. Weiterentwicklungen in der Intensivpflege und bei den Anwendungsarten der Dialyse ermöglichen einer größeren Zahl von sonst potenziellen Spendern ein Weiterleben, oder aber eine Spende kann nicht in Betracht kommen wegen gravierender Infektionen als Folge eines längeren Aufenthaltes auf der Intensivpflegestation.

    Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass es keine Erfolge gegeben hat im Vorantreiben der Spenden nach dem Tod, was besonders für Südeuropa gilt. In Kroatien, z.B., hat es noch bis vor wenigen Jahren nur eine kleine Zahl von toten Spendern gegeben, doch jetzt sind sie dort sogar noch weiter als Spanien, dank einer neuen Gesetzgebung und politischer Anstrengungen. Dennoch ist auch in diesen Ländern die Zahl der verstorbenen Spender nicht ausreichend, da die Gruppe der Dialyseabhängigen noch schneller wächst.

     

    Angesichts dieser Umstände werden die Wartefristen für ein Transplantat länger und länger, trotz riesiger Anstrengungen zur Erhöhung der Zahl an Postmortem-Spenden, wie z.B. das Seniorenprogramm von Eurotransplant. So werden also viele Patienten nicht lange genug leben, um ein Transplantat zu erhalten.

     

    Da wir wissen, dass Transplantation die Überlebensaussichten verbessert, freilich bei richtiger Auswahl von Organ und Empfänger, brauchen die Patienten eine Lösung, und die beste Lösung die es gibt, ist die Lebendspende. Daher nimmt es nicht wunder, dass die Lebendspenden in den meisten Ländern stark zunehmen.

  • Wer profitiert von der Lebendspende?


    Allen voran haben die Patienten erhebliche Vorteile von der Lebendspende. Sie können ein Organ von einer gesunden Person erhalten, ohne Zytokine-Freisetzungssyndrom, ohne Vorschädigung und ohne unterschwellige oder weitere Krankheit.

    Doch nicht nur Patienten haben Nutzen von der Lebendspende, die Operation kann im Voraus geplant werden, sodass jeder Betroffene rechtzeitig planen und sich den günstigsten Zeitpunkt für die Transplantation aussuchen kann. Während die Postmortem-Transplantation immer eine Situation von plötzlicher Dringlichkeit ergibt, oft zu später Stunde durchgeführt mit viel Stress für alle Beteiligten, wird eine Nierenlebendspende geplant, und die Niere kann so während des Tages entnommen und transplantiert werden nach einer Phase der Entspannung.

    Es ist keine Überraschung, dass jeder Chirurg und Transplantationsarzt es vorzieht, Transplantationen während des Tages durchzuführen; ebenso wenig ist es überraschend, dass solch ein Organ eher eine längere Überlebensdauer für das Transplantat und den Patienten garantiert als ein Transplantat, das einem Postmortem-Spender entnommen wurde.

    Darüber hinaus gibt es einen großen Vorteil für die Gesellschaft im allgemeinen. Ein Patient wird schneller und für einen längeren Zeitraum von der Dialyse unabhängig als es jemals mit einer Postmortem-Spende möglich wäre, was bei der Transplantation eine Kosteneinsparung von ~ 6-7 Jahren bedeutet. Angesichts der Kosten für 1 Jahr Dialyse, die sich in den europäischen Ländern zwischen 20 000 und 60 000 € bewegen, dürften sich durch eine Lebendspende durchschnittliche Einsparungen von 280 000 € ergeben.

    Zu Zeiten, in denen ein Organmangel besteht, stellt die Lebendtransplantation einen wichtigen Weg dar, um die Anzahl verfügbarer Organe zum Nutzen unserer Patienten zu erhöhen. Es muss auch erwähnt werden, dass mit größerer Zahl von Transplantationen auch der Ruf des Transplantationszentrums umso besser wird. Hinzu kommt, dass in einigen Zentren die besonders hohe Zahl von Transplantationen einen wesentlichen Anteil des Krankenhausbudgets ausmacht. Diese Einnahmen können zum Nutzen der Zentren, der Chirurgen und/oder der Transplantationsärzte verwendet werden. Mit anderen Worten: Wenn in einem Zentrum weniger Transplantationen vorgenommen werden, so könnte es geneigt sein, die Zahl von Ärzten und anderem im Transplantationsbereich tätigem Personal zu verringern.

    Letztendlich spart die Gesellschaft eine Menge Geld, das Zentrum und die Ärzte erlangen eine bessere Reputation, und die Empfänger gewinnen wertvolle Lebenszeit. Was jedoch ist der Gewinn für die Spender? Der einzige wirkliche Vorteil für sie ist höchstwahrscheinlich ein emotionales Wohlgefühl. Bei diesen Gegebenheiten muss ein hohes Maß an Aufmerksamkeit auf die Sicherheit der Lebendspender gerichtet werden.

  • Welches sind die Risiken für den Spender?


    Die Risiken für den Lebendspender sind zu unterteilen in Weiterleben, Rahmenbedingungen für das Weiterleben und finanzielle Gesichtspunkte.

    Die wichtigste Frage ist, ob der Spender sein Leben riskiert oder ob eine Lebendspende seine Lebenserwartung verringern könnte. Gegenwärtig ergeben alle vorliegenden Studien, dass Lebendspender eine längere oder gleich lange Lebenserwartung haben im Vergleich zu passenden gesunden Kontrollpersonen; von daher gibt es also noch kein Indiz dafür, dass eine Lebendspende die Lebenserwartung eines Spenders verringert. Allerdings gibt es hier eine wichtige Einschränkung, da nur gut untersuchte Spenderkandidaten für eine Nierenspende zugelassen werden, während die so genannten gesunden Kontrollpersonen auch Kranke umfassen. Es darf kein Zweifel darüber bestehen, dass eine Lebendspende ein chirurgischer Eingriff ist und einige kleine aber inhärente Risiken einschließt. So gesehen, ist ein (potenzieller) Lebendspender sicherlich besser dran, wenn er keine Niere spendet. Daher sollte die Frage anders gestellt werden, Wie viele Lebensjahre, wenn überhaupt, gehen durch eine Spende verloren?

    Es gibt einige Umstände in Zusammenhang mit Lebendspenden, die Anlass zu der Überlegung geben, dass durch eine Spende die Lebenszeit verkürzt werden könnte. Wir wissen heute, dass ein Anstieg an Kreatinin und die Entwicklung von Bluthochdruck zu den wichtigsten Risikofaktoren für kardiovaskuläre Vorkommnisse und damit auch für kardiovaskuläre Todesursachen gehören.

    In der Folge einer Spende steigt bei einigen Spendern der Kreatininwert an, was mit einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit in Verbindung gebracht werden könnte. Gegenwärtig können wir keinen Kretinin-Grenzwert bestimmen, bei dessen Übersteigung eine Spende mit einer erhöhten kardiovaskulären Sterblichkeit zu assoziieren wäre. Es gibt bei der Bestimmung eines Kreatinin-Grenzwertes eine Reihe von Schwierigkeiten. Während früher meist Personen mit einem Alter von unter 50 Jahren als potenzielle Spender in Betracht kamen, ist das Alter für Spenden inzwischen stark angestiegen. Es ist sehr wohl bekannt, dass die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) im Verlauf des Alters abnimmt. Daher kann die kalkulierte oder gemessene GFR deutlich geringer sein, obwohl sich der Kreatininwert im normalen Bereich bewegt. Da die GFR nach der Spende absinkt, kann somit der Spender hinterher eine GFR von <40 aufweisen. Macht es ihn damit ungeeignet für eine Spende? Über diesen Sachverhalt gibt es keine Daten, aber man darf annehmen, dass ein älterer Spender aus Gründen sterben wird, die keinen Bezug zur Organspende haben, wie z.B. Infektionen oder Unfälle, ehe er unter relevanten Folgeproblemen einer Spende leidet.

    Wenn wir eine GFR festlegen wollen, unter deren Niveau eine Transplantation ungeeignet erscheint, wo könnte dann der Grenzwert liegen? Um diese Frage zu beantworten, könnte es hilfreich sein, sie aus der anderen Richtung zu betrachten. Eine Spende ist dafür gedacht, dem Empfänger insofern zu helfen, dass er von der Dialyse wegkommt, seine Lebensqualität verbessert und allgemein eine längere Lebensaussicht bekommt. Ein älterer Spender mag seine Organspende als ein Geschenk für seinen oder ihren Lebenspartner oder ein Familienmitglied ansehen, obwohl nur in seltenen Fällen z.B. eine Großmutter ihrer Enkelin eine Niere spendet. Natürlich sollten, wenn alles perfekt verläuft, sowohl Empfänger als auch Spender für den Rest des Lebens dialyseunabhängig sein.

    Man kann einwenden, dass die Nierenfunktion insbesondere für die Älteren von äußerster Wichtigkeit ist, da bekanntermaßen die Nierenfunktion mit dem Alter nachlässt. Andererseits würden die meisten dieser Spender gern eine geringfügige Verkürzung ihrer restlichen Lebenszeit akzeptieren, wenn sie in diesem Zeitraum dann mit ihrem Partner oder Familienmitglied zusammenleben könnten. Lasst uns nicht vergessen, dass in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Motivation für Organspenden sehr stark durch Gefühle bestimmt wird. In diesen Fällen ist es manchmal schwer, eine Organspende zu verhindern, selbst in Situationen von enormen Risiken für den Spender.

    Sowohl Empfänger als auch Spender sollten nicht dem Risiko ausgesetzt sein, im Verlauf ihrer restlichen Lebenszeit Dialysebehandlungen aufnehmen zu müssen. Basierend auf den verfügbaren Daten sollte ein Jahr nach Transplantation eine GFR von mindestens 30 ml/min. angestrebt werden. Voraussetzung dafür ist eine GFR von >70 ml/min. beim Spender, da ~10-20 ml/min. als Folge der Operation verloren gehen.

    Leider kann diese Empfehlung nicht auf Erfahrungswerte des praktischen Lebens gestützt werde, da die Zahl solcher Spender erst kürzlich angestiegen und daher die Nachbeobachtungszeit nicht lang genug ist für eine genügend große Gruppe. Selbst bei jüngeren Spendern beschränken sich die Nachbeobachtungsdaten auf Zeiträume von 5 oder 15 Jahren, was nicht besonders nützlich ist, da die Lebenserwartung sich in modernen Gesellschaften zwischen 75 und 85 bewegt, was wiederum bedeutet, dass es eines Nachbeobachtungszeitraums von 20-30 Jahren bedarf, um aussagefähige Daten bereitzustellen. Selbst für Personen, die eine ihrer Nieren durch Unfall oder Tumor verloren haben, gibt es keine solch langfristigen Datenerfassungen in ausreichend großer Zahl. Außerdem können bei diesen Patienten unterschwellige Krankheit oder Unfall, die zur Entnahme der Niere geführt haben, eine zusätzliche Belastung für das Weiterleben bedeuten. Der wahrscheinlich bedeutendste Faktor von zusätzlicher Belastung für das Weiterleben ist Bluthochdruck. Es steht außer Frage, dass ein zunehmender Teil der Spender unter Bluthochdruck leidet. Dies ist vermutlich auf die Organspende zurückzuführen, wenngleich die Hochdruckhäufigkeit hier nicht höher liegt als bei der allgemeinen Bevölkerung. Hinzu kommt, dass heutzutage auch Spender akzeptiert werden, die nicht nur die besten Voraussetzungen mitbringen, und einige davon  haben bereits Bluthochdruck vor der Organspende. Hier handelt es sich um ältere Menschen, die ihre Niere für ihren Lebenspartner oder ihre Kinder spenden wollen.

    Damit stellt sich die Frage, welche Höhe an Blutdruck vor einer Organspende noch akzeptiert werden kann? Hier sind wiederum zwei Fragen u beantworten. Aus Sicht des Spenders ergibt sich die Frage, ob ein gewisses Hochdruckniveau über den andauernden Zeitraum oder den Schweregrad definiert werden kann, wodurch die Organspende zu riskant wird mit Bezug auf das umfassende Weiterleben. Aus Sicht des Empfängers kann ein gewisses Hochdruckniveau, das nach Dauer, Art und Anzahl der hochdrucksenkenden Mittel, sekundären Komplikationen oder Höhe festgelegt wird, ein zusätzliches Risiko eines nur kurzfristiges Überlebens des Spendeorgans bedeuten, das sogar das gesamte Weiterleben des Patienten verkürzen kann angesichts der zusätzlichen Tortur einer Transplantation. Auf der Basis der vorliegenden Daten kann ein solcher Grenzwert nicht klar bestimmt werden.

    Es gibt jedoch Wege, diese Fragen einzugrenzen. Zunächst einmal kann man sicher sagen, dass Nieren mit hochdruckbbedingten Schädigungen am häufigsten auch mit anderen Problemen des Spenders einhergehen, wie z.B. Augenkrankheiten durch Hochdruck oder Arteriosklerose.  Darüber hinaus neigen solche Nieren dazu, Proteine durchzulassen, oder das Kreatinin kann erhöht sein, was die Organspende zu einem Problem für Empfänger und Spender werden lässt. Unter diesen Bedingungen macht eine Organspende keinen großen Sinn aus Sicht des Spenders.

    Die Hauptfrage bleibt, nämlich was zu tun ist im Falle von mehr als einem blutdrucksenkenden Mittel bei einem potenziellen Spender mit gut kontrolliertem Bluthochdruck und keinen erkennbaren Nebenwirkungen. Da sich die Bluthochdrucksituation nach der Organspende sicherlich verschlechtern wird, kann dies von Fall zu Fall entschieden werden unter Berücksichtigung von zusätzlichen Risikofaktoren oder Krankheiten beim Spender wie auch dessen Alter. Je älter der Spender, desto wahrscheinlicher ist keine spendenbedingte Verringerung der umfassenden Lebenserwartung, so dass ein sonst gesunder 70-jähriger Spender keinem wirklichen Spendenrisiko ausgesetzt sein dürfte, während es bei einem 30-Jährigen durchaus der Fall sein könnte. Dies ist jedoch eher spekulativ, da die vorliegenden Daten schließlich auf einer Auswahl unter potenziellen Spendern aller Altersgruppen basieren.

    Der Konsens über Proteinurie ist viel weiter vorangeschritten. Hier empfehlen die meisten Richtlinien, Organspenden auf Personen mit einer Proteinurie von <300 mg/Tag zu beschränken. Wenngleich dieser Grenzwert etwas willkürlich ist, so geht doch ein höherer Proteinuriespiegel eindeutig mit einem größeren Risiko einher, eine Nierenkrankheit zu entwickeln. Wir können jedoch nicht ausschließen, dass solch ein Grenzwert zu locker für jüngere Spender ist und zu streng für ältere, da der Übergang von niedriger Proteinurie zu fortgeschrittener Nierenkrankheit mit all ihren Implikationen einige Zeit dauern wird.

    Fettleibigkeit und eine eingeschränkte Glukosetoleranz werden lediglich als Zusatzfaktoren in die Gleichung einbezogen. Beide Gegebenheiten stellen für sich genommen keine absoluten Kontraindikationen für eine Organspende dar. Allerdings können sie im Zusammenhang mit anderen Risikofaktoren zum Anlass genommen werden, einen Spender doch eher abzulehnen.

    Hämaturie und offener Diabetes mellitus werden andererseits als absolute Kontraindikationen für Organspenden angesehen. Als Schlussfolgerung kann man sagen, dass eine Organspende einige Schädigungen beim Spender verursachen kann, die ohne Spende nicht entstehen würden.

  • Einfluss der gegenwärtigen Gesundheitspolitik in Europa


    Bis auf weiteres ist die Lebendspende nationale Angelegenheit. Der Hauptgrund dafür ist die gegenwärtige Gesundheitspolitik innerhalb Europas. Während einige Länder eine staatliche Versicherung haben, wodurch jeder in gleicher Weise abgedeckt ist, bezahlt über Steuern oder öffentliche Gesundheitsversicherung, gibt es in anderen Ländern individuelle Lösungen. In den Ländern mit allgemeiner Gesundheitsversorgung ist es ziemlich einfach, den Spender zu unterstützen; alle Kosten werden übernommen. Bei anderen Organisationsformen übernimmt die Krankenversicherung des Empfängers die Kosten. Dadurch ergeben sich gelegentlich Situationen, bei denen der Spender unsicher ist, welcher Krankenversicherer welchen Kostenanteil seiner Probleme abdeckt. Manchmal kann der Spender sogar Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Kostenübernahme zu erreichen; so wird in Deutschland z.B. die Lebendspende als Schönheitsoperation angesehen, so dass Kosten für Behandlung von Beschwerden, die als Spätfolgen der Organspende entstehen, wie eine Hernien-OP oder sogar Dialyse, möglicherweise nicht abgedeckt sind.

    Darüber hinaus kann es finanziellen Schaden für den Spender geben durch höhere Kosten für Versicherungen, Verlust des Arbeitsplatzes oder sogar einen verlängerten Genesungsprozess. Die Art und Weise wie man mit diesen Situationen umgeht, ist von Land zu Land verschieden. In einigen Ländern, wie z.B. Dänemark, mag es ein Gesetz geben, wonach Versicherer verpflichtet sind, identische Versicherungsbedingungen für Spender und Nicht-Spender anzubieten. Es wird darüber debattiert, warum ein solches Gesetz  nicht in allen Ländern eingeführt wird, da Diskriminierung wegen Rasse, Religion, Geschlecht oder Alter innerhalb der Europäischen Union untersagt ist und ähnliche politische Grundprinzipien für alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens gelten sollen.

    Zwar ist der gegenwärtige Anreiz der Europäischen Union (EU) zur Steigerung der Postmortem-Spenderzahlen ein Schritt zur Stärkung der Transplantation im allgemeinen, doch in Ländern mit einer hohen Postmortem-Spendenrate ist die Zahl der Lebendspender relativ gering. In diesen Ländern ist die Spenderakzeptanz selektiver als in Ländern mit einer niedrigen Postmortem-Spendenrate.

    Die Schritte, die heutzutage unternommen werden, um die Rechte der Organspender zu stärken, sind etwas spärlich und halbherzig. Der einzige Schritt, den die EU unternommen hat, ist die Einführung eines Organspenderregisters.

    Allerdings wurde nicht ausdrücklich angegeben, für welchen Zeitraum ein Spender weiter beobachtet werden soll. In einigen Ländern endet die Nachbeobachtung mit der Entlassung aus dem Krankenhaus, in anderen Ländern nach 1, 2 oder 3 Jahren. Nur in sehr wenigen Ländern werden Organspender zwingend für den Rest ihres Lebens weiter beobachtet. Da die Gesamtzahlen gering sind, ist es unwahrscheinlich, dass wir mit solch flüchtigen Maßnahmen zukünftig in der Lage sein werden, Transplantationszentren und Spender angemessen über die wirklichen Risiken von Organspenden zu beraten.

  • Die gegenwärtige Art von Organspende in Europa: Sollten wir sie ändern?


    Vom immunologischen Standpunkt aus betrachtet bestehen aus medizinischer Sicht grundsätzlich keine Kontraindikationen gegen Lebendspenden. Zumindest in der Mehrzahl der Fälle kann eine Lebendspende auch bei nicht passender Blutgruppe oder auch trotz  bestehender Antikörper gewonnen werden. Solche Transplantationen sind jedoch sehr kostenintensiv. In diesen Fällen ist eine gewisse Spenderpaarung nicht ohne vorhergehende aggressive und teuere Vorbereitungsbehandlung möglich. Daher sind einige Alternativen ins Spiel gekommen, wie "Crossover-" oder "Domino"-Transplantation.

    Unter diesen Bedingungen wird ein bereiter Spender von einem andern Paar mit ähnlichen Schwierigkeiten genommen, um das Problem zu lösen. Im Falle einer Domino-Transplantation mag Spender A für den Empfänger B spenden, Spender B spendet für Empfänger C, und Spender C mag dann für Empfänger A spenden. Mit einer solchen Domino-Transplantation können sogar Anpassungen an Alter, Nierenqualität  und Übereinstimmungsgrad   vorgenommen werden. Somit könnte es klug sein, ein solches System im größeren europäischen Kontext anzuwenden, wonach dann der Spender zum Zentrum des Empfängers reist, sogar über Ländergrenzen hinweg.

  • Was kann für Spender und Empfänger zusätzlich hilfreich sein?


    Was die Spenderrisiken angeht, so ist es von äußerster Wichtigkeit, dem Spender und dem Empfänger die besten Voraussetzungen für eine Zustimmung auf gut informierter Basis zu bieten; mit anderen Worten: Sie sollten solcherart Informationen erhalten, dass sie die Entscheidung selbständig treffen können.


    Tabelle 1
    Ländervergleichszahlen der verschiedenen Arten von Nierenspendena

    EU Länder

    Akut verstorbene Spender einschl. NHBD (p.m.p.)

    TX – alle Arten von Spendern

    TX – Postmortem-Spender (p.m.p.)

    Lebend-TX (p.m.p.)

    TX – NHB-Niere (p.m.p.)

    Österreich
    Belgien
    Bulgarien
    Zypern
    Tschechien
    Dänemark
    Estland
    Finnland
    Frankreich
    Deutschland 
     Griechenland  
    Ungarn
    Irland
    Italien
    Lettland
    Litauen
     Luxemburg
    Malta
     Niederlande
    Polen
    Portugal
    Rumänien
    Slowakei
    Slowenien
    Spanien
    Schweden
     Ver. Königr.

    196 (23.3)
    221 (20.5)
    20 (2.7)
    4 (4.4)
    206 (19.6)
    73 (13.0)
    23 (17.7)
    92 (17.0)
    1538 (23.8)
    1296 (15.8)
    44 (3.9)
    159 (15.9)
    58 (12.6)
    1298 (12.6)
    34 (14.8)
    36 (10.9)
    3 (6.0)
    9 (22.5)
    227 (13.7)
    509 (13.3)
    323 (30.2)
    70 (3.3)
    91 (16.8)
    41 (20.5)
    1502 (32.0)
    118 (12.6)
    1015 (16.4)

    405 (48.5)
    453 (41.9)
    48 (6.4)
    32 (35.6)
    364 (34.7)
    232 (41.4)
    39 (30.0)
    175 (32.4)
    2892 (44.7)
    2937 (35.9)
    135 (12.1)
    307 (30.7)
    174 (37.8)
    1694 (28.2)
    66 (28.7)
    71 (21.5)
    6 (12.0)
    14 (35.0)
    867 (52.2)
    999 (26.2)
    573 (53.6)
    212 (10.0)
    169 (31.3)
    61 (30.5)
    2225 (47.3)
    370 (39.4)
    2724 (44.0)

    348 (41.4)
    404 (37.7)
    36 (4.8)
    8 (8.9)
    347 (33.0)
    130 (23.2)
    35 (26.9)
    164 (30.4)
    2609 (40.3)
    2272 (27.8)
    108 (9.6)
    265 (26.5)
    151 (32.8)
    1512 (25.2)
    64 (27.8)
    63 (19.1)
    6 (12.0)
    11 (27.5)
    394 (23.7)
    949 (24.9)
    522 (48.8)
    124 (5.8)
    162 (30.0)
    61 (30.5)
    1985 (42.2)
    202 (21.5)
    1698 (27.4)

    59 (7.0)
    49 (4.5)
    12 (1.6)
    24 (26.7)
    17 (1.6)
    102 (18.2)
    4 (3.1)
    11 (2.0)
    283 (4.4)
    665 (8.1)
    27 (2.4)
    42 (4.2)
    23 (5.0)
    182 (3.0)
    2 (0.9)
    8 (2.4)
    0
    3 (7.5)
    473 (28.5)
    50 (1.3)
    51 (4.8)
    88 (4.1)
    7 (1.3)
    0
    240 (5.1)
    168 (17.9)
    1026 (16.6)

    5 (0.6)
    61 (5.6)
    ND
    ND
    480 (4.9)
    ND
    ND
    ND
    79 (1.2)
    0
    0
    0
    ND
    0
    17 (7.4)
    0
    0
    0
    129 (7.8)
    0
    0
    4 (0.2)
    0
    0
    158 (3.4)
    ND
    580 (9.4)


    a
    NHBD: Non-heart beating donation (Spende ohne Pulsschlag)
      p.m.p.: Per million population (pro Million Einwohner)
      TX: Transplantation
      NHB: Non-heart beating (ohne Pulsschlag)
      ND: Not done (nicht gemacht)
      UK: United Kingdom (Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland)



    Da der Transplantationsarzt sein eigenes Programm haben kann und eine Transplantation eher befürwortet und der potenzielle Spender emotionalen Druck verspüren kann, scheint es nicht ausreichend zu sein, lediglich eine kommerzielle Spende auszuschließen.

    Es mag angezeigt erscheinen, einen Ombudsmann oder einen Organspenderanwalt einzuschalten. Diese Person sollte einen substanziellen medizinischen Hintergrund im Bereich der Nephrologie haben ohne aktive frühere oder gegenwärtige Involvierung in Transplantation, außer die erforderliche Fachausbildung zum Nephrologen. Er sollte kein Mitglied eines Transplantationszentrums sein, sondern eher ein privater niedergelassener Arzt oder Nephrologe eines Krankenhauses, das selbst nicht direkt mit Transplantation zu tun hat. Außerdem sollte diese Person keine Verbindung zum Spender oder Empfänger haben. Dann kann er sowohl Empfänger als auch Spender über die Risiken einer Transplantation aufklären. In einigen Fällen mag er von einer Transplantation Abstand nehmen wegen schlechter Verfassung des Empfängers oder anzunehmenden Problemen nach der Transplantation; in anderen Fällen mag er den Spender schützen aufgrund einzelner Risiken trotz emotionalem Stress.

    In einer Reihe von Ländern wird dieses Thema durch eine örtliche oder religiöse Ethikkommission behandelt, die unabhängig von dem Transplantationszentrum sein oder auch dazu gehören kann. Dennoch bleibt es ziemlich schwierig, die Tiefe der menschlichen Herzen zu erfassen. Was für ein Druck lastet auf einem potenziellen Spender durch Emotionen oder Stress innerhalb der Familie? Können wir wirklich einer freien Willensentscheidung des Spenders sicher sein, selbst wenn kein Geld im Spiel ist? Wenn beide, Spender und Empfänger, die Transplantation wollen, so wird die Ethikkommission nicht in der Lage sein, eine kommerzielle Organspende auszuschießen.

    Man könnte vorsehen, dem Spender ein kleines Geschenk zukommen zu lassen, der immerhin ein kleines aber in gewisser Weise unvorhersehbares Risiko eingeht, von dem die Gesellschaft enorm profitiert, wenngleich dies keine Befürwortung von kommerzieller Organspende sein soll. Ganz gewiss müssen wir Organspenden auf der Basis "Brot für eine Niere" ausschließen; mit anderen Worten: Der Empfänger braucht eine Organspende um zu überleben oder seine sonst bedrohte Familie zu unterstützen. Allerdings gibt es auch Beispiele für staatlich kontrollierte Organspenden wie im Iran. Das ist zwar in Europa bisher noch illegal, aber doch wert darüber nachzudenken.

    Bei solch einem Modell erhält der Spender einen festgelegten Geldbetrag oder eine andere Art von Vergütung für seine Organspende. Hier gibt es ein offensichtliches Risiko, dass insbesondere jüngere Leute geneigt sein könnten, damit ein Auto oder ein kleines Haus zu kaufen oder aber Schulden abzubezahlen, mit anderen Worten: einen unmittelbaren Vorteil aus einer Organspende zu gewinnen. Dies beinhaltet das Risiko, dass der potenzielle Spender seine Entscheidung nach ein paar Jahren neu bewerten könnte, da die Zeit für sofortiges Überdenken zu kurz sein kann.

    Weitere Ideen könnten sein: Eine bessere Altersabsicherung, ein vorgezogenes Eintrittsalter für den Ruhestand oder beitragsfreie Krankenversicherung. Solch ein Modell hat die Zahl der Lebendspenden in Israel z.B. steigen lassen. Dieses Modell hat den klaren Vorteil, dass es keine unmittelbare Auswirkung auf die Organspende gibt. Es ist ein Weg, der den Wert einer Organspende für die Gesellschaft aufzeigt; man sollte ihn eher als Anerkennung statt als Bezahlung ansehen.

    Gegenwärtig gibt es noch nicht einmal eine öffentliche Anerkennung der Gesellschaft, den Wert der Organspende zu würdigen. In all diesen Modellen sollte der Empfänger den Spender nicht bezahlen. Der Organspender sollte eine Vergütung durch die Gesellschaft oder einen speziellen Gesundheitsfonds erhalten. Eine solche Vergütung sollte nicht sofort gegeben werden, um den Spender davor zu bewahren, von dem Spendengeld seinen Verbraucherkredit zu bezahlen oder sich ein Auto einen Monat früher zu kaufen als ohne das Spendengeld. Daher scheint eine verbesserte Altersversorgung die beste Option zu sein, da sie keinen unmittelbaren Nutzen bietet.

     

  • Zusammenfassende Schlussfolgerungen


    In der vorhersehbaren Zukunft wird die Lebendspende an Bedeutung gewinnen, hauptsächlich wegen der geringen Zahl an Postmortem-Spenden und der ständig zunehmenden Zahl von Patienten in permanenter Nierenersatztherapie. Daher müssen alle Anstrengungen unternommen werden, den Organspender vor Schaden zu bewahren, sei es durch medizinische Beeinträchtigung oder soziale Nachteile, und gleichzeitig aber die Zahl der Lebendspender aufrecht zu erhalten oder sogar zu steigern. Eine konzertierte politische Anstrengung erscheint zwingend erforderlich, um bessere Rechte und besseren Schutz für Organspender in ganz Europa sicherzustellen.

    Statement zu Interessenskonflikten: Keine Angaben

    Eingegangen zur Veröffentlichung: 31.1.12; angenommen in revidierter Form: 23.3.12

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