Startseite > SOL-DHR 2011, Bericht Prof. Thiel

SOL-DHR Jahresbericht 2011

(Original Zitat von der Internetseite)

Das Schweizerische Organ-Lebendspender-Gesundheits-Register SOL-DHR (Swiss Organ Living-Donor Health Registry) wurde im April 1993 von Prof. Gilbert T. Thiel gegründet, der diese Arbeit bis zu seiner Übergabe an seinen Nachfolger Prof. Jürg Steiger im Januar 2011 ehrenamtlich durchgeführt hat.

Alle Nieren-Lebendspendenden der 6 Transplantationszentren der Schweiz  wurden seit April 1993 ins Lebendspenderregister aufgenommen. Im Januar 2008 wurden auch die Leber-Lebendspendenden ins Spenderregister integriert.

Seit Mai 2009 ist SOL-DHR in die Stiftung SNO (Schweizerische Stiftung zur Nachbetreuung von Organ-Lebendspendenden) integriert. Sie bezweckt, die im Transplantationsgesetz vorgesehene Nachbetreuung von Organ-Lebendspendenden schweizweit zu fördern und sicherzustellen.

Mehr Infos hier: www.lebendspende.ch

 

 

Enorme Aussagekraft


Die Aussagekraft der gesammelten Daten ist wegen der hohen Rücklaufdichte enorm (Follow-up-Verlust 10,5 %) und daher auch zur Übertragung auf die Nierenlebendspende in anderen Ländern allgemein geeignet.

 

Die Jahresberichte, die unter der Leitung von Prof. Thiel zustande kamen, liegen bis einschließlich 2010 vor. Prof. Thiel starb im Januar 2012. Der erste Bericht unter der neuen Leitung von Prof. Steiger ist 2012 veröffentlicht worden. Für 2011 ergibt sich eine Lücke.

 

Allerdings hatte Prof. Thiel den Bericht für 2011 noch weitestgehend vorbereitet und zur Veröffentlichung an Prof. Steiger weitergeleitet. Im Rahmen der Mitgliederversammlung des Schweizer Organ Lebendspender Vereins hielt Prof. Thiel am 26. März 2011 zu seiner Verabschiedung aus der Leitung des Registers eine Rede. Er merkte an, dass nur 70 % der Lebendorganspender (überwiegend Nierenlebendspender) keine Nachteile wie Schmerzen, Müdigkeit, Narbenprobleme und fianzielle Probleme haben. Er rief zum "Kampf" für die verleibenden 30 % der Spender auf, die Nachteile erleiden. Er sagte, dass Lebendorganspende ein Risiko und keine Selbstverständlichkeit sei (Quelle: Protokoll der Mitgliederversammlung).

 

Die Daten aus dem vollständigen Bericht zum allgemeinen Gesundheitszustand der Schweizer Nierenlebendspender sind allerdings in der Tat sehr besorgniserregend und lassen die bisherige Praxis der Nierenlebendspende zweifelhaft erscheinen. Dies muss Prof. Thiel bewusst gewesen sein, denn er übergab diesen Bericht der Redaktion von REPORT MAINZ vom SWR. Es folgten zwei Sendungen zum Thema (04.07.2011 und 21.08.2012).

 

Besonders auffällig ist, dass der SOL-DHR Jahresbericht 2012, der unter der Leitung von Prof. Steiger zu Stande kam, auf diesen, nicht offiziell veröffentlichten Bericht, zurückgreift, dabei aber wesentliche Aussagen zu den Krankheitsbildern der Spender auslässt.

Wichtige Krankheitsdaten

 

Hier nun die wichtigsten Aussagen:

 

Komplikationen ein Jahr nach der Spende

0 % kardiovaskuläre Erkrankung bzw. nicht untersucht

60,4 % Niereninsuffizienz CKD III (30 < GFR < 60)

29,3 % Hypertonie (BD > 140 / > 90) oder blutdrucksenkende Medikation

9 % Müdigkeit (1 bis 1,5 Jahre nach Spende), unaufgeforderte Angabe, Dunkelziffer laut Prof. Thiel vermutlich höher (siehe auch Studien/Thiel).

 

Komplikationen zehn Jahre nach Spende

49,1 % Kardiovaskuläre Erkrankungen

45,2 % Niereninsuffizienz CKD III (30 < GFR < 60)

47,2 % Hypertonie (BD > 140 / > 90) oder blutdrucksenkende Medikation

2,2 % Müdigkeit (9 bis 11 Jahre nach Spende), unaufgeforderte Angabe!

 

Sämtliche hier aufgeführten Komplikationen sind medizinisch korrekt mit „häufig“ (1 bis 10 %) und „sehr häufig“ (> 10 %) zu definieren. Solche Häufigkeiten von sich realisierenden Risiken und Folgekomplikationen sind definitiv auch in Deutschland aufklärungspflichtig, auch wenn sie in der Schweiz gemessen wurden.

 

Referenz (Beispiel):

Oberlandesgericht Köln AZ 5 U 180/05 Urteil vom 25.04.2007

Umfassende Risikoaufklärung vor einer Operation

Ein Patient muss umfassend über das Risiko einer Operation informiert werden. Wie hoch dieses Risiko ist, spielt dabei keine Rolle.

 

BGH VI ZR 198/07 Verkündet am: 18.11.2008

Verurteilung des Arztes, der keine Behandlungsfehler, aber eine unzureichende Risikoaufklärung durchführte. Er hatte bei der Aufklärung nur ein „Schlaganfallrisiko“, jedoch kein „erhöhtes Schlaganfallrisiko“ erwähnt.

 

BGH VI ZR 198/09 Verkündet am: 06.07.2010

In einer Entscheidung befasste sich der Bundesgerichtshof (BGH) mit den Aufklärungspflichten des Arztes bei neuen Behandlungsmethoden. Auch bei diesen haben Ärzte, so der BGH, umfassend über mögliche Risiken aufklären. Auch wahrscheinliche Risiken sind in diese Aufklärung einzubeziehen, selbst wenn sie in der Literatur noch nicht beschrieben worden sein sollten.

 

Anmerkung: Das Risiko bei einer Nierenfunktionsstörung (GFR < 60 ml/min) an kardiovaskulären Events zu erkranken und/oder chronische Müdigkeit zu leiden ist von nierenkranken Menschen bekannt. Dies gilt, wie die Datenlage zeigt auch für Nierenlebendspender. Hierüber ist aufzuklären.

 

 

Regelmäßige gesundheiltiche Beeinträchtigungen durch Nierenspende

 

In dem Schreiben vom 31. August 2012, das Prof. Steiger als Reaktion auf die REPORT MAINZ Sendung an die Redaktion und die IGN e. V. gleichlautend schickte, führt er aus:

 

Die kardiovaskulären Komplikationen dürfen somit nicht direkt mit der Spende, sondern müssen mit den epidemiologischen Daten der Normalbevölkerung in Zusammenhang gebracht werden. Die Herz-Kreislauferkrankungen (Herz + Gefäss + Hypertonie) stellen die häufigste Erkrankung und Todesursache der Normalpopulation dar. Je nach Statistik werden in 42 bis 48% Herzkreislauferkrankungen als Ursache angegeben. Somit ist die Zahl der Leute die an Herzkreislauferkrankungen leiden je nach Alter noch höher.

 

Diese Argumentation ist jedoch falsch. Es ist davon auszugehen, dass alle Spender jeden Alters vor der Spende keinerlei kardiovaskulären Probleme hatten, gewissenhafte Evaluation vorausgesetzt. Insofern ist die Erkrankungsquote von 49,1 % zehn Jahre nach Spende sehr wohl eine Folge der Spende. Sollten einige dieser kranken Spender doch völlig unabhängig von der Spende erkrankt sein, so gibt es dazu keinerlei Studie, sondern nur reine Schätzungen. Da jedoch immer ein beträchtlicher Anteil aufgrund der Spende erkrankte, sind diese Daten hochbrisant. Denn sowohl in der Schweiz, als auch in Deutschland ist eine Spende verboten, wenn schwerwiegende Risiken des Spenders drohen. Eine kardiovaskuläre Erkrankung aufgrund der Spende dürfte zweifelsfrei in diese Kategorie fallen. Dies könnte gegebenenfalls auch erklären, warum diese Zahlen keinen Eingang in die Öffentlichkeit finden.

 

Der Bezug auf die sogenannte „Normalbevölkerung“, wie er immer wieder zu finden ist, ist absolut irreführend und falsch. Verglichen mit dem besonders gesunden Teil der Bevölkerung, aus dem sich Spender regelmäßig rekrutieren, ist die Krankheitsrate und Lebenserwartung der Nierenlebendspender als deutlich schlechter zu erwarten, siehe Studien Lin et al i. V. m. Mojn et al.

 

Auch bei der Hypertonie (Bluthochdruck) ist die Argumentation, dass viele Spender sowieso Bluthochdruck entwickelt hätten „mutig“. Dies impliziert nämlich im Umkehrschluss (ebenso bei den kardiovaskulären Erkrankungen), dass ein Teil der Spender, die jetzt Bluthochdruck haben, diesen nicht bekommen hätten.

 

 

Die Erkrankung gesunder Menschen wird in Kauf genommen


Die Ursache für diese gesundheitlichen Verschlechterungen ist ebenfalls im Bericht von Prof. Thiel aufgeführt. Beinahe die Hälfte aller Schweizer Nierenlebendspender leidet auch noch 10 Jahre nach der Spende an einer sogenannten moderaten Niereninsuffizienz der Stufe CKD III. Eine dauerhafte Nierenunterfunktion in dieser Größenordnung kann unweigerlich zu den beschriebenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Dies ist auch nicht mit Argumenten, dass eine Nierenunterfunktion von Spendern mit der von Kranken nicht vergleichbar (lt. welcher Studie?) ist, weg zu diskutieren. Auch hilft es nicht, diese Daten zurückzuhalten bzw. nicht zu veröffentlichen, da es sie gibt. Die Daten sprechen für sich. Die Kausalität ist offensichtlich. Die Erkrankung gesunder Menschen durch die Nierenlebendspende wird durch die Medizin in Kauf genommen. Spendewillige Menschen werden nicht über diese Risiken aufgeklärt.

 

Die Müdigkeit, die ein Jahr nach der Spende von 9 % der Spender (ungefragt) angegeben wurde, sinkt offensichtlich mit den Jahren, entweder durch Adaption des Körpers oder wird auf Grund Gewöhnung nach 10 Jahren als weniger belastend empfunden. Auch dieses Symptom wird bereits für CKD III bei einigen nierenkranken Menschen beschrieben. Da die „Müdigkeit“ unaufgefordert angegeben wurde, ist mit einer großen Dunkelziffer zu rechnen (Prof. Thiel äußerte diese Vermutung am 04.07.2011 in REPORT MAINZ).

 

Insgesamt ist dieser Bericht erschreckend und stellt die bisherige Nierenlebendspendepraxis in Frage. Diese Daten werfen ethische und juristische Fragen auf. Es wird Zeit, dass diese offen Fragen diskutiert bzw. nachverfolgt, und dass potentielle Lebendspender klar über diese Risiken aufgeklärt werden.

 

Gemäß unserem Leitbild sind wir nicht gegen die Nierenlebendspende. Doch Spender haben ein Recht auf offenen Umgang mit den Risiken, um eine abwägende Entscheidung treffen zu können. Der Gesetzgeber ist gefordert, den Rahmen hierzu zu schaffen.

 

 

Stellungnahme REPORT MAINZ

 

Herr Dr. Neumann, Autor beider Filmbeiträge von REPORT MAINZ, erwiderte auf das Ersuchen von Prof. Steiger, die Daten in der nächsten Sendung „richtig zu stellen“ per E-Mail am 25. September 2012 wie folgt (mit Genehmigung von REPORT MAINZ hier veröffentlicht):

 

Sehr geehrter Herr Prof. Steiger,

danke für Ihre Stellungnahme vom 28.08.2012 zu unserer REPORT MAINZ Sendung über Probleme bei der Nierenlebendspende auf Seiten des Spenders. Sie kritisieren, die von uns präsentierten Daten seien "nicht als besorgniserregend zu bezeichnen", verlangen eine "Richtigstellung", weil die möglichen Spätkomplikationen wissenschaftlich nicht "korrekt präsentiert und interpretiert worden wären".

 

Ich möchte Ihnen nun erwidern, dass es für eine Richtigstellung wirklich nicht den geringsten Anlass gibt. Die Darstellung erfolgte in jederlei Hinsicht korrekt und auch im Sinne von Prof. Thiel. Als er mir diese Daten gab, hatten wir genau darüber, wie sind sie zu interpretieren und was müssen Spender vorab wissen, ein rund drei Stunden langes Gespräch. Nun zu Ihrer Kritik:

 

Wir haben hier einer breiten Öffentlichkeit erstmals Zahlen präsentiert, die bis dato nicht nur völlig unbekannt, sondern nachweislich von entsprechenden Fachmedizinern und deren Fachgesellschaften negiert und massiv in Abrede gestellt wurden. Als investigatives Magazin ist es geradezu unsere Pflicht, auf solche möglichen Probleme aufmerksam zu machen, davor zu warnen, wenn dies die Fachwelt nicht selbst tut.

 

Und darüber hinaus erfordert sogar die Gesetzeslage eine solche Aufklärung:

 

Sowohl bei Ihnen als auch in Deutschland ist eindeutig geregelt, dass nur transplantiert werden darf, wenn "kein ernsthaftes Risiko" besteht, wenn also keine Gefährdung für den Spender vorliegt. Schon bei gelegentlichen Spätkomplikationen, zum Beispiel 0,1 bis 1 %, muss darüber umfassend aufgeklärt werden. So verlangt es die Gesetzeslage und auch die ständige Rechtsprechung (BGH 2008, OLG Köln 2007). Genau das ist bis heute weitgehend unterlassen worden. Anhand der Thielschen Daten wird noch weiter erschwerend deutlich, dass wir hier nicht von gelegentlichen, sondern von möglicherweise von sehr häufigen Spätkomplikationen sprechen.

 

Nierenlebendspenden werden seit rund 60 Jahren praktiziert. Ziehen wir die ersten 20 mal einfach ab, weil zunächst mal Erfahrungen zu sammeln waren, verbleiben immer noch vier volle Jahrzehnte, in denen diese wesentlichen Fragen eigentlich hätten geklärt sein können oder? Auch Ihr wiederholter Hinweis auf den Vergleich der epidemiologischen Daten der Spender mit der Normalpopulation greift nicht nur zu kurz, er ist sogar falsch. Wenn ich zu wissenschaftlich validen Aussagen kommen will, darf ich eben genau die Spenderpopulation nicht mit der Normalbevölkerung vergleichen, weil die Spenderkohorte eine viel gesundere Personengruppe als die der Normalbevölkerung ist. Tue ich das trotzdem, sind meine Aussagen einfach fehlerhaft. Einzige zulässige Vergleichsgruppe für die Spenderpopulation wäre eine potentielle Spendergruppe, die aber nicht spendet. Und genau ein solch aussagekräftiges Untersuchungsdesign ist bis heute, jedenfalls meinem Wissen nach, nirgendwo realisiert worden.

 

Bleibt zuletzt nicht die ganz unwesentliche, menschliche Seite der Spender:

 

Sie müssen umfassend wissen, worauf sie sich einlassen. Als wir vor zwei Jahren begannen zum Thema zu recherchieren, haben wir uns von fast allen Transplantationszentren in Deutschland die Aufklärungsbögen kommen lassen und selbstverständlich ausgewertet. Ergebnis: Vor diesen möglichen, von Thiel festgestellten Komplikationen, wurde überhaupt nicht gewarnt.

 

Ich bin heute davon überzeugt, dass Prof. Thiel mir ganz bewusst und intentional diese Daten überlassen hat. Er bat mich, etwas zu warten, sie nicht gleich zu veröffentlichen, woran ich mich hielt. Auf meine Frage allerdings, ob Spender genau über diese potentiellen Folgen aufzuklären wären, war seine Reaktion sehr eindeutig: Selbstverständlich und vollumfänglich seien Spender darüber zu informieren. Ein Unterlassen sei unverzeihlich, so Thiel. Und genau in diesem Sinne hat REPORT MAINZ die eigentliche Absicht des angesehenen Prof. Thiel erfüllt.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Ulrich Neumann

HA Chefredaktion Fernsehen

Abt. Inland/REPORT MAINZ

 

 

Aktuelles/ Board

Hier finden Sie Neuigkeiten, zusätzlich zur offiziellen Presse

NEWSLETTER

Erhalten Sie unseren aktuellen Newsletter.

Melden Sie sich hier vom Newsletter ab.

Videos

Videobeiträge zum Thema Nierenlebendspende