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Pro-Argumente-Check-Spezial

Hier unterziehen wir konkrete öffentlich gemachte Aussagen von Fachleuten aus der Transplantationsmedizin einer genauen Analyse.

 

 

Eine Werbesendung für die Nierenlebendspende!

SWR Fernsehen "Skalpell bitte - Die Nierentransplantation"am 13. November 2013

 

Link zur Sendung und Infos rund um die Sendung

 

In der Sendung des SWR "Skalpell bitte" wurde am 13.11.2013 zur Hauptsendezeit die Operation einer  Nierenlebendspende gezeigt. Im Zuge dessen wurde ein einziges Mal kurz das Risiko, welches die Nierenlebendspender eingehen, angesprochen. Interviewpartner der Moderatorin Susanne Holst war Prof. Dr. med. Martin Zeier, Ärztlicher Leiter des Nierenzentrums Heidelberg.

 

Wir haben als Verein wiederholt darauf hingewiesen, dass die verantwortlichen Ärzte im Kontakt mit der Presse oft viel zu verharmlosend über die Risiken auf der Lebendspenderseite sprechen. Leider hob sich auch diese Sendung nicht von bisherigen ab und wir werden darlegen, warum auch hier beim Zuschauer der Eindruck entstehen musste, die Nierenlebendspende sei ein harmloses, beinahe risikofreies Unterfangen. Im Folgenden werden wir aufführen, mit welchen rhetorischen Mitteln diese vermeintliche Harmlosigkeit herbeigeführt wird.

 

Als die Moderatorin Frau Holst Prof. Zeier nach den Langzeitfolgen der Nierenlebendspende fragt, antwortet dieser wörtlich: "Zunächst mal ist zu sagen: die Lebendspende ist eine sichere Sache. Lebendspender leben genauso lange, wie die anderen Menschen in der Allgemeinbevölkerung."

 

Frage der Moderatorin: "Was ist mit der Befindlichkeit? Manche klagen darüber, dass sie dann müde sind und nicht mehr so leistungsfähig." Prof. Zeier: "Das kommt - Gott sei Dank - selten vor. Dennoch müssen wir wissen, es ist ein chirurgischer Eingriff, eine Niere wird entfernt, die Nierenfunktion fällt zunächst etwas ab, sie erholt sich dann wieder, und da sind eben manche Menschen dabei, die unter Umständen sich eben nicht so gut fühlen, die eine gewisse Zeit brauchen, um sich zu erholen, es ist auch manchmal bei manchen Spendern so, dass sie in ein emotionales Loch, so nenne ich es einfach mal, fallen und eben Zeit brauchen, dort eben wieder heraus zu kommen..."

 

Wir erläutern nun die einzelnen Aussagen von Prof. Zeier:

 

"Die Lebendspende ist eine sichere Sache. Lebendspender leben genauso lange, wie die anderen Menschen in der Allgemeinbevölkerung."

 

Diese Aussage ist äußerst verharmlosend. Lebendspender sind kerngesunde Menschen, somit hochselektiert, die - wie auch führende Wissenschaftler immer wieder betont haben - nicht mit der Allgemeinbevölkerung verglichen werden dürfen. Jeder Mediziner, der diesen Vergleich dennoch zieht, begeht einen wissenschaftlichen Fehler (hier: selection bias). Spender, die so alt werden wie die Allgemeinbevölkerung, dürfen nicht als Erfolg gefeiert werden, sie sind ein Mindesterfordernis. Es bleibt somit vollkommen offen, wie viel Lebenszeit ein Spender durch den Eingriff evtl. verliert.

 

Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Uwe Heemann, Klinikum rechts der Isar in München, dazu: "So gesehen, ist ein (potentieller) Lebendspender sicherlich besser dran, wenn er keine Niere spendet. Daher sollte die Frage anders gestellt werden, Wie viele Lebensjahre, wenn überhaupt, gehen durch eine Spende verloren?" (Quelle: Heemann/Renders, State of living kidney donation in Europe, Mai 2012)

 

Auf die Frage nach der Müdigkeit antwortet Prof. Zeier: "Das kommt - Gott sei Dank - selten vor." In der Medizin wird der Begriff "selten" verwendet, wenn von 10.000 Patienten zwischen einem und zehn Patienten betroffen sind (0,1 % - 0,01 %). "Häufig" bedeutet, dass von 100 Patienten bis zu zehn betroffen sind (1 % - 10 %). Als "sehr häufig" wird eine Komplikation bezeichnet, wenn sie mehr als 10 % aller Patienten betrifft. Positiverweise bestätigt Prof. Zeier das Auftreten dieser Müdigkeit; jedoch verharmlost er die Häufigkeit.

 

Bereits seit den 1970er Jahren wurde in Studien erfasst, dass Spender nach der Spende unter anhaltender Müdigkeit leiden (Quelle: Simmons et al, Transplantation Proceedings, 04/1977; 9(1):143-5). Schon damals fühlten sich 34 % der Spender nach einem Jahr noch nicht vollständig wiederhergestellt und knapp über 9 % der Spender ermüdeten auch nach einem Jahr noch deutlich schneller als zuvo

 

Diese Zahlen ähneln sehr stark den heutigen Zahlen wie beispielsweise den Daten des einzig validen Lebendspenderegisters in der Schweiz von Dr. Gilbert Thiel (Quelle: Thiel, Swiss Organ Living-Donor Health Registry, "Evaluation of the Social Recovery after donation 2002 - 2008", 2009). 29 % aller Spender gaben dort an, durch die Spende Nachteile erlitten zu haben. 8 % aller Spender litten an anhaltender Müdigkeit. Somit stellt die wissenschaftliche Datenlage eindeutig dar, dass das Auftreten von Müdigkeit häufig ist.

 

Übrigens: Von diesen "müden Spendern" aus der Schweiz waren 90 % nicht depressiv. Genau dies wird aber von Prof. Zeier suggeriert, als er die Müdigkeit als verlangsamte Rekonvaleszenz darstellte und zugleich Spender in einem „emotionalen Loch“ wähnt, welches sie offenkundig daran hindert, sich wieder fit zu fühlen.

 

Da auch die Fragestellung der Moderatorin in der Nachfolgesendung (an den Spender gerichtet: "Man sagt, dass die Spender weniger körperliche Beschwerden haben, sondern dass die manchmal mehr mit der Befindlichkeit zu tun haben. Ist das bei Ihnen so?") darauf hindeutet, dass ihr (vermutlich von ärztlicher Seite) diese Müdigkeit als "Befindlichkeit" und nicht als "körperliche Beschwerde" dargestellt wurde, bleibt leider festzustellen, dass sich die Mediziner offenkundig nicht bewusst sind, welch schwerwiegende Folgen eine anhaltende Müdigkeit für Spender haben kann.

 

Eine körperliche Müdigkeit, ähnlich der des Chronic Fatigue Syndroms, von uns als „fatigueartige Symptome“ beschrieben, kann verschieden stark auftreten. Aber es bleibt immer eine rein körperliche Beschwerde mit teils existentiellen Folgen. Wenn eine solche Folge als "Befindlichkeit" degradiert und als depressive Episode  dargestellt wird, widerspricht dies den bislang erhobenen wissenschaftlichen Daten und legt nahe, dass bei einer ähnlich harmlos klingenden Aufklärung von potentiellen Spendern, der öffentlich dargestellte Grundsatz der Transplantationsmedizin dauerhaft verletzt wird:

 

Der Schutz des Lebendspenders hat oberste Priorität!

 

Text als Download

 

 

"...ein sehr gut eingestellter Zucker würde uns auch nicht abhalten..."

 

Kommentar zu dem Video "VISITE: Die Niere" der Uniklinik Aachen (veröffentlicht am 28.11.2012 auf YouTube).

 

In dem Video werden der Direktor der Klinik für Nierenkrankheiten, Herr Prof. Jürgen Floege, sowie eine Assistenzärztin des UKA Frau Dr. Anja Mühlfeld, zur Nierenlebendspende befragt.

 

Auszüge aus dem Video:

 

Prof. Jürgen Floege über die Lebendspenderauswahl: 

"Wenn wir eine Lebendspende akzeptieren, dann stellen wir natürlich sicher, dass der oder die Spenderin völlig gesund ist. Kleine Wehwehchen dürfen sein, ein gut eingestellter Blutdruck zum Beispiel. Oder ein sehr gut eingestellter Zucker würde uns auch nicht abhalten, wenn es keine Organschäden davon gibt.

Aber es darf natürlich keine Tumorerkrankung oder so etwas vorliegen.(…)"

 

Danach wird Dr. Anja Mühlfeld befragt:

Frage: Welche Funktion hat die Niere allgemein?

Antwort Dr. Anja Mühlfeld: "Die Niere ist ein Stoffwechselorgan, das ganz viele verschiedene Aufgaben hat, zum einen den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren, sie sorgt dafür, dass alles das was wir trinken auch wieder ausgeschieden wird, sie reinigt das Blut von Giftstoffen, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen, sie ist aber auch ein hormonproduzierendes Organ und ist z. B. für das Hormon zuständig, das die Blutbildung anregt, das EPO, das sich die Radfahrer auch immer spritzen. (…) Nichtsdestotrotz ist die Dialyse keine gute Langzeitoption, gerade für junge Patienten."

 

Frage: Die Niere kann also lebend gespendet werden. Warum herrscht dann trotzdem eine so große Not, eine Nierennot praktisch?

Antwort Dr. Anja Mühlfeld: "Nicht jeder nierenkranke Patient hat einen Organspender an der Hand, der willens ist und auch geeignet eine Niere zu spenden. (…) und wir wollen natürlich den Nierenspendern nicht schaden, d. h. nur die gesündesten Personen kommen überhaupt in Frage, eine Nieren zu spenden. Wer stark vorerkrankt ist oder selber ein Risiko hat, eine Nierenerkrankung zu entwickeln, könnte niemals als Spender in Frage kommen."

 

Frage: Muss ich Angst haben, wenn ich meine Niere zur Verfügung stelle?

Antwort Dr. Anja Mühlfeld:  "Nein"

 

Frage: Also was kann mir dann passieren, als Spender an Risiken?

Antwort Dr. Anja Mühlfeld: Als Lebendspender ist natürlich ein gewisses Operationsrisiko verbanden, das man nie völlig ausschließen kann, es ist ein minimales Narkoserisiko. Langzeitfolgen durch die Spende gibt es eigentlich nur in ganz geringem Maße. Nierenspender haben ein gering erhöhtes Risiko einen Bluthochdruck zu erleiden oder eine erhöhte Eiweißausscheidung im Urin. Beides ist aber nichts, was eine lebensverkürzende Wirkung hätte."

 

Frage: Welche Nierenerkrankungen gibt es denn generell?

Antwort Dr. Anja Mühlfeld: "Es gibt eine Fülle von Nierenerkrankungen, die meisten Patienten, die an die Dialyse müssen, leiden an unseren Wohlstandserkrankungen wie dem Bluthochdruck oder dem Diabetes, also der Blutzuckererkrankung. (…)"

 

Frage: Und man kann auch mit einer Niere eine zeitlang leben?

Antwort Dr. Anja Mühlfeld:  "Man kann mit einer Niere dauerhaft leben. Es gibt viele Berichte noch aus der Zeit des Krieges, wo viele im Rahmen von Kriegsverletzungen Nieren verloren haben, da kann man auch 80, 90 mit werden und natürlich auch als Nierenlebendspender hat man normalerweise durch den Verlust einer Niere keine Einschränkung seiner Lebensqualität oder seines Langzeitüberlebens."

 

Hier nun unsere Analyse der Aussagen:

 

Herr Prof. Floege sagt über die Spenderauswahl, dass der Spender völlig gesund sein muss. Er dürfe jedoch kleine Wehwehchen haben. Dazu zählt er einen eingestellten Bluthochdruck und eingestellte Diabetes.

 

Abgesehen von der Tatsache, dass ein Diabetes und Bluthochdruck selbstverständlich ernstzunehmende Erkrankungen sind und nicht wie hier verniedlichte Wehwehchen, konterkariert seine Assistenzärztin Frau Dr. Mühlfeld wenige Sätze später unabsichtlich seine verharmlosenden Aussagen. Sie weist darauf hin, dass die meisten Patienten, die an die Dialyse müssen, dies aufgrund einer Diabetes und/oder einer Bluthochdruckerkrankung müssen.

 

Der Widerspruch ist offensichtlich: Der leitende Direktor der Klink für Nierenkrankheiten eines Universitätsklinikums und amtierender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) gibt öffentlich zu, dass ein eingestellter Bluthochdruck bzw. Diabetes die Klinik von einer Nierenlebendspende "nicht abhalten" würde.

 

Auf www.gesundheit.de steht dazu z. B.: "Jeder fünfte Diabetiker entwickelt im Durchschnitt 10 bis 15 Jahre nach Diagnosestellung eine Nierenschädigung mit unterschiedlich starker Ausprägung. Unbehandelt kann die diabetische Nephropathie bei etwa einem Drittel der Betroffenen in einem Nierenversagen enden. In Deutschland kommen inzwischen jedes Jahr etwa 8000 diabetische Patienten neu an die Dialyse. Diabetes mellitus ist damit die häufigste Ursache für ein chronisches Nierenversagen."

 

Wie fatal wäre eine solche Erkrankung für einen Spender mit zwangsläufig reduzierter Nierenkapazität. 

Da es auch nach fünf Jahrzehnten der Nierenlebendspende in Deutschland bis heute keinerlei Richtlinien der Bundesärztekammer zu der Nierenlebendspende gibt und die Kliniken somit völlig eigenverantwortlich und unterschiedlich aufklären (bei einer im Video genannten Erfahrung von circa 8 Lebendspenden/Jahr im UKA), bleibt die Frage, ob es andere, internationale Leitlinien gibt, die etwas zur Spenderauswahl besagen. Hier stößt man unweigerlich auf die meist anerkannten Amsterdam Leitlinien, die 2004 von Nephrologen und Transplantationschirurgen entwickelt wurden ("A Report of the Amsterdamer Forum On the Care of the Live Kidney Donor: Data and Medical Guidelines", Transplantation 2005; 79:S53-S66). Diese Leitlinien werden insbesondere zur Evaluation der potentiellen Lebendspender herangezogen.

 

Was besagen diese Leitlinien hinsichtlich des Bluthochdrucks? 

 

Der Konsens ist, dass man Patienten mit einem Bluthochdruck von über 140/90 nicht als Spender akzeptieren sollte.

 

Bezüglich der Diabeteserkrankung sind die Leitlinien sehr eindeutig: Selbst Spender, die nur das Risiko haben, einen Diabetes Typ-2 zu entwickeln (Übergewichtige, Erbanlagen, Frauen mit erlebter Schwangerschaftsdiabetes, Personen mit erhöhten Alkoholkonsum), "should not donate"; sollten nicht spenden, da die Risiken einer zukünftigen Nierenerkrankung und weiterer postoperativen Komplikationen zu hoch sind. 

 

Wir halten fest: die Amsterdamer Leitlinien lehnen selbst potentielle Spender ab, die das Risiko haben, irgendwann an Diabetes Typ-2 zu erkranken.

 

Prof. Jürgen Floege, Direktor der Klinik für Nierenkrankheiten am UKA, sagt dass ein gut eingestellter Zucker die Klinik nicht von einer möglichen Spende abhält. 

 

Diese Diskrepanz kommentiert sich von selbst.

 

Zudem weisen wir auf eine Studie aus Kanada 2009 hin, die besagt, dass die reduzierte Nierenfunktion nach einer Spende schon mit einer erhöhten Insulinresistenz assoziiert ist. (Susceptibility to Insulin Resistance after Kidney Donation: A Pilot Observational Study Am J Nephrol 2009;30:371-376 (DOI: 10.1159/000232577) "Reduced GFR alone in previous kidney donors is associated with increased IR.")

 

Und Insulinresistenz führt bekanntermaßen dauerhaft zum Diabetes Typ-2.

 

Abgesehen davon, dass also das Risiko der Spender auf eine folgende Diabeteserkrankung komplett verschwiegen wird, werden sogar Spender akzeptiert, die an dieser Erkrankung schon leiden. Diese Erkrankung jedoch ist es, die die meisten der circa 65.000 Dialysepatienten an die Maschine brachte. 

 

Argumenten seitens jeglicher Ärzte, dass diese Studie nur eine geringe Spenderanzahl untersuchte, entgegnen wir, dass dies bei insgesamt wenigen Spendern oft nicht größer machbar ist. Eine kleine Kohorte hat jedoch nicht unweigerlich die Ungültigkeit der Studie zur Folge und kann somit nicht einfach ignoriert werden. Gerade bei negativen Ergebnissen muss besonders aufmerksam hingesehen werden, da es sich um gesunde Menschen handelt, bei denen man plant, ein Organ zu entnehmen.

 

Gem. einem Urteil des BGH (BGH VI ZR 198/07) ist auch über geringe Risiken aufzuklären, insbesondere dann, wenn sie für den zu operierenden Menschen eine schwere Einschränkung darstellen würden. Dies dürfte beim Risiko einer Folgediabetes auf Grund einer Nierenlebendspende sicherlich der Fall sein. Insbesondere, wenn der potentielle Spender bereits Diabetes hat.

 

Zudem verweisen wir hier auf eine Studie, die gerne von der Ärzteschaft zitiert wird, um die Harmlosigkeit der Nierenlebendspende darzustellen. Es handelt sich um die Studie, auf die auch Frau. Dr. Mühlfeld in dem Video hinweist. Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg, denen eine Niere wegen einer Kriegsverletzung entnommen wurde, werden verglichen mit anderen Kriegskameraden, die den Krieg ohne Nierenverlust überlebten. Zwischen beiden Gruppen fand man keine Unterschiede, abgesehen, dass sechs von den Einnierigen zum Studienzeitpunkt nierenkrank waren.

 

Diese Studie weist zum einen nur eine Größe von 28 Einnierigen auf (eine Anzahl die, bei einer im Ergebnis kritischen Studie, oft als Grund herangezogen wird, diese Studie ungültig zu erklären), zudem wurde keiner dieser Einnierigen vorher einer Untersuchung ähnlich der eines potentiellen Nierenlebendspenders unterzogen, somit ist weder bei der Kontrollgruppe, noch bei der Gruppe der einnierigen Soldaten der Gesundheitszustand vor der Nierenentnahme bekannt, welcher für eine gültige Studiengrundlage sicherlich vonnöten gewesen wäre.

 

Weiterhin stellt sich selbstverständlich die Frage, inwiefern man Soldaten vom Anfang des letzten Jahrhunderts, mit einem Nierenlebendspender des Jahres 2012 vergleichen kann. 

 

Diese Peinlichkeit, dass Ärzte im Jahre 2012 auf eine Studie bei der 28 Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg beobachtet wurden, verweisen, statt auf gültige Studien der letzten Jahre, zeigt auf, dass es viel zu wenig gültige Studien gibt, die einen grundsätzlichen Vergleich zwischen Lebendspendern und gleichgesunden Menschen, die nicht gespendet haben, beinhalten.

 

In der Öffentlichkeit wird aber in nahezu allen Fällen seitens der Kliniken die Harmlosigkeit der Nierenlebendspende propagiert.

 

Eine differenzierte und kritische Sichtweise ist oft ausgeschlossen. 

 

Die hier aufgezeigten Interviewausschnitte zeigen dies deutlich.

 

Der Vergleich mit den einnierigen Soldaten wird übrigens in vielen Aufklärungsbögen in der gesamten Republik noch heute als einzige Studie zitiert.

 

Erschütternd.

 

 

 

„Spender leben länger!“

 

Am 23. August 2012 stellte der ärztliche Direktor der Universitätsklinik Essen, Herr Prof. Dr. Dr. med. habil. Dr. phil. Dr. theol. h.c. Eckhard Nagel, Mitglied des Deutschen Ethikrates in der ZDF-Sendung „Marcus Lanz“ mehrere Behauptungen auf. Der Dialog mit Marcus Lanz und dem ebenfalls anwesenden Ricky Harris gegen Ende der Sendung war wie folgt:

 

Lanz fragt Nagel, ob ein Nierenlebendspender mit einer Niere "genauso gut" und "genauso alt" werden kann.

Nagel antwortet: "Jemand der ein Organspender ist, ein Lebendorganspender ist, lebt länger als alle anderen. Weil er vorher ganz genau untersucht wird und deshalb spenden nur Menschen, die ganz gesund sind, die werden auch sehr gut nachbetreut, dementsprechend kann man feststellen, dass solche Menschen länger leben als die Durchschnittsbevölkerung."

Lanz: "Menschen mit einer Niere?"

Nagel: "mit einer Niere!"

Lanz: "völlig uneingeschränktes Leben?"

Nagel nickt einige Male voller Überzeugung.

Lanz: "Er [zeigt auf Olympiasieger Robert Harting, ebenfalls Gast der Sendung] könnte auch dann als Spitzensportler dann noch tätig sein?"

Nagel: "Es gibt einige Fußballspieler, deren Nieren transplantiert sind, insofern gibt es auch sicherlich einige, die nur mit einer Niere leben, auch sicherlich Spitzensportler von denen man das gar nicht weiß, von denen das ...“

Ricky Harris unterbricht: "Meiner Schwester geht's super, es geht ihr sehr gut und ihre Nierenwerte sind heute besser, als die vorher waren mit zwei Nieren."

Nagel nickt: "Weil sie besser untersucht wird, besser nachvollzogen, selber guckt, wie es ihr geht. Das ist natürlich auch ein Stück weit Versicherung fürs weitere Leben."

 

 

Auszug aus "Marcus Lanz" vom 23. August 2012

 

 

 

Analyse der Aussagen von Prof. Nagel

  • Nagel: „ein Lebendorganspender (…), lebt länger als alle anderen“ und „dementsprechend kann man feststellen, dass solche Menschen länger leben als die Durchschnittsbevölkerung."

    Das ist falsch. Es gibt einige Studien mit zumeist sehr kurzer Beobachtungsdauer (selten länger als 15 Jahre), die darauf hinweisen, dass Lebendspender zumindest etwas länger leben könnten, als die Normalbevölkerung. Diese aber setzt sich aus allen, also auch aus kranken und schwer kranken Menschen zusammen. Spender sollen und werden überwiegend zum besonders gesunden Teil der Bevölkerung gehören, da jegliche Erkrankung vor der Spende, eigentlich als Ausschlußkriterium für die Spende gilt. Also muss die Lebenserwartung von Lebendorganspendern mit der von dem besonders gesunden Bevölkerungsteil verglichen werden. Zwei Studien haben in Verbindung zueinander ergeben, dass Nierenlebendspender gegenüber ihrem Herkunftsbevölkerungsteil, nämlich der gesunden Bevölkerung, kürzer leben. Da dies im Durchschnitt immer noch länger als die Normalbevölkerung ist, bezieht sich die Transplantationsmedizin immer wieder auf diese falsche Vergleichsgruppe.

    Dies muss Prof. Nagel als renommierter Arzt und Mitglied des Deutschen Ethikrates wissen.

    Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass eine Nierenlebendspende die Lebenserwartung eines Menschen verkürzt: Dies wurde 1967 bereits gegenüber dem ersten deutschen Nierenlebendspender, Herrn Dr. Heinemann, klar geäußert. Ihm wurde durch die Spende für seinen Bruder eine verkürzte Lebenserwartung von ca. fünf Jahren prognostiziert. Sein Leben nach der Spende beschreibt er öffentlich als Leben mit „angezogener Handbremse“ und dies seit 1967 (siehe Aktuelles/Board Juli 2012 Dr. jur. Heinemann).

    Warum derlei kritische Worte 2012 von Prof. Nagel nicht erwähnt werden, bleibt offen. 
  • Nagel: „(…) und deshalb spenden nur Menschen, die ganz gesund sind (…)“

    Das ist falsch. Leider werden immer häufiger auch Menschen als Spender akzeptiert, die definitiv nicht geeignet sind. So erklärte Herr Dr. Arns von der Medizinischen Klinik I Köln-Mehrheim beim Patiententag “Lebendnierentransplantation” am 22.07.2012 in München, dass er eine Spenderin mit einem Gewicht von 140 kg akzeptiert hätte, obgleich Adipositas als Kontraindikation gilt. Im Universitätsklinikum Essen, in dem Herr Prof. Nagel praktiziert, wurde mindestens in einem Fall ein Spender mit einer chronischen Erkrankung zur Spende zugelassen, wie wir aus dem Kreis unserer Mitglieder wissen. Ebenfalls können wir von Patienten berichten, die an Schilddrüsenerkrankungen oder Homocysteinämie vor der Spende litten. Beide Krankheitsbilder sind absolute Kontraindikationen zur Lebendspende. Dieser Trend zur Leichtsinnigkeit, vermutlich aus Gedankenlosigkeit oder auch getragen von ökonomischen Zwängen, wurde bereits von Nicola Sigmund-Schulze im Deutschen Ärzteblatt (Dtsch Arztebl 2012; 109(13): A-646 / B-560 / C-556, Siegmund-Schultze, Nicola) beschrieben. Sie schreibt unter Bezug auf eine kanadische Studie:

    Die Lebendspender hätten vor der Operation zum gesündesten Teil der Bevölkerung gehört,
    erklären die Autoren das Ergebnis. Dieses lasse sich nicht auf ältere Spender oder solche mit erhöhten Risiken durch Hypertonie oder Adipositas übertragen, wie sie in vielen Ländern, auch Deutschland, zunehmend akzeptiert werden.

    Auch dies muss Prof. Nagel als renommierter Arzt und Mitglied des Deutschen Ethikrates wissen.
  • Lanz: "völlig uneingeschränktes Leben?", Nagel nickt einige Male voller Überzeugung.

    Nein, ein „völlig uneingeschränktes Leben“ ist in vielen Fällen nicht möglich. Gerade Menschen, die körperlich und/oder mental leistungsbezogen Leben, berichten übereinstimmend von leichten bis hin zu schweren Beeinträchtigungen. Dies haben wir im Rahmen unserer Webseite mehrfach an Hand diverser Studienauswertungen dokumentiert. Der bisher unveröffentlichte Bericht des Schweizer Lebendspenderegister SOL-DHR von 2011 listet exakt die Folgen einer Nierenlebendspende auf. Allein mindestens 9 % der Spender leiden an Müdigkeit ein Jahr nach der Spende. Die Hälfte entwickelt in einem Zeitraum bis zu 10 Jahren kardiovaskuläre Erkrankungen und Bluthochdruck. Ebenfalls die Hälfte der Spender ist noch 10 Jahre nach der Spende niereninsuffizient, mit denselben Folgen für den Körper, wie ein nierenkranker Mensch. Ein völlig uneingeschränktes Leben sieht anders aus.

    Wir sind uns sicher, Herr Prof. Nagel kennt die aktuelle Diskussion. Er muss wissen, dass seine Aussagen falsch bzw. interessengeleitet sind.
  • „Es gibt einige Fußballspieler, deren Nieren transplantiert sind, insofern gibt es auch sicherlich einige, die nur mit einer Niere leben, auch sicherlich Spitzensportler von denen man das gar nicht weiß, von denen das ...“

    Richtig ist, dass es zumindest einen Fußballspieler in der Bundeliga gibt, der eine Spenderniere erhalten hat: Ivan Klasnić, damals (2007) bei Werder Bremen unter Vertrag und aktuell (2012) im Kader des 1. FSV Mainz 05. Allerdings ist die sportliche Leistungsfähigkeit mit einer transplantierten Niere (zusätzlich zu den zwei kranken Nieren) nicht mit der nach Nierenverlust vergleichbar. Prof. Nagel selbst greift zu einer unzulässigen Verknüpfung unterschiedlicher Krankheitsbilder und äußert dann eine Vermutung, die wie eine wahre Aussage klingt. „(…) insofern gibt es auch sicherlich einige, die nur mit einer Niere leben, auch sicherlich Spitzensportler von denen man das gar nicht weiß,(…)“. Eben, man weiß nichts von Spitzensportlern, die mit einer Niere nach Verlust der Zweiten volle Leistung bringen. Wenn es sie geben würde, wären sie genauso bekannt, wie Ivan Klasnić.

    Also weiß Prof. Nagel nicht, ob es Spitzensportler mit einer Niere gibt, behauptet aber, dass es sie „sicherlich“ gibt.
  • Ricky Harris unterbricht: "Meiner Schwester geht's super, es geht ihr sehr gut und ihre Nierenwerte sind heute besser, als die vorher waren mit zwei Nieren."

    Nagel nickt: "Weil sie besser untersucht wird, (...)"


    Das Nicken und die zustimmenden Worte bezüglich einer besseren Nierenfunktion im Vergleich zu VOR der Spende, sind eine katastrophale Irreführung, der jeglicher Datensatz zur Nierenfunktion der Spender nach der Explantation widerspricht. Dass ein Spender nach einer Spende keine bessere Nierenfunktion als vor der Spende haben wird, dürfte jedem klar sein. Auch wenn Prof. Nagel hier diese Behauptung unterstützt. Gleichwohl kritisch ist es, dass seit Jahren über das AQUA-NLS-Register bekannt ist, dass zwischen 30-75% der Spender als nierenkrank zu bezeichnen sind, da sie eine moderate Nierenfunktionsstörung (30 < GFR < 60 ml/min.) aufgrund der Spende haben, die folgenreich sein kann. Auch die aktuellsten Daten aus der Schweiz decken sich mit diesen Zahlen. Seit 2011 erfasst das AQUA-NLS-Register allerdings nur noch Spender mit einem GFR-Wert unter 30 ml/min. Damit reduzieren sich die ausgewiesenen Nierenkranken unter den Spendern statistisch erheblich. Diese Datenunterschlagung wirft weitere Fragen auf.

    Diese Zusammenhänge müssen Prof. Nagel bekannt sein und wir werten es als juristisch und ethisch hochkritisch und fragwürdig, dass er die Behauptung einer verbesserten Nierenfunktion nach Nierenlebendspende hier bewirbt und generalisiert.

 

Fazit: Herr Prof. Nagel, ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen und Mitglied im Deutschen Ethikrat, betreibt wider besseren fachlichen Wissens „Werbung“ für die Harmlosigkeit der Nierenlebendspende.

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