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Argumente für die Nierenlebend-
spende im Belastungstest

Nachfolgend prüfen wir immer wieder vorgetragene Argumente, die die Harmlosigkeit der Nierenlebendspende unterstreichen sollen, auf ihre Belastbarkeit.


„12.000 Menschen sind auf der Warteliste und jeden Tag sterben drei Menschen, weil es zu wenig Organspender gibt!“

 

Herkunft:
Diverse Presseveröffentlichungen mit immer wieder gleichem oder ähnlichem Wortlaut


Auf diese Art und Weise sollen Menschen animiert werden, einen Organspenderausweis bei sich zu tragen. Dieses Argument wird auch im Zusammenhang mit der Organlebendspende regelmäßig öffentlich verwendet.


Was ist daran nicht in Ordnung?
Mit der obigen Aussage sind sämtliche Krankheitsfälle gemeint, bei denen eine Organspende Leben retten würde. Also u.a. Herz-, Lungen- und Lebererkrankungen. Sind diese Organe irreversibel beschädigt ist eine Organspende in der Tat eine lebensrettende Maßnahme. Die Anzahl der Menschen auf der Warteliste, die auf ein lebensrettendes Organ warten beträgt jedoch nicht 12.000, sondern 3735 (Stand 12/2011, Eurotransplant). So viele Menschen warten auf ein Herz, eine Lunge, eine Leber oder sogar auf mehrere Organe.


7573 Menschen stehen auf der Warteliste für eine neue Niere. Gerade im Zusammenhang mit einer Nierenerkrankung ist obiges Argument jedoch irreführend. Dank moderner Dialyseverfahren kann ein nierenkranker Mensch lange Zeit leben. Die Nierenspende, postmortal oder als Lebendspende ist eine Therapieoption zur Steigerung der Lebensqualität, keinesfalls jedoch eine lebensrettende Maßnahme, wie immer wieder suggeriert wird.


Auch das oft angeführte durchschnittliche Überleben an der Dialyse von nur ca. vier Jahren ist hier sehr kritisch zu betrachten, da dieser Durchschnitt aus dem gesamten Altersspektrum der Dialysepopulation gezogen wird und die am größte wachsende Gruppe der Dialysepatienten sehr alte Menschen sind (da die Verbesserungen der Dialysetherapie dazu führten, dass sie auch für sehr alte Menschen verträglicher wurde), die allein aufgrund ihres Alters ohnehin keine jahrzehntelange Lebenserwartung mehr haben können.

 

Zweifelsfrei weisen Studien eine bessere Lebensqualität für Transplantierte auf, so dass in den meisten Fällen die Dialyse die ungünstigere Therapieoption ist. Nichtsdestotrotz ist das Argument der Lebensrettung nicht korrekt und sollte auch angesichts der Brisanz der Thematik nicht in dieser Form als ein Druckmittel für eine größere Organlebendspendebereitschaft benutzt werden.

 

Die umzusetzende EU Richtlinie 2010/53/EU schreibt: „Daher ist es erforderlich, Lebendspenden so durchzuführen, dass das körperliche, seelische und soziale Risiko des einzelnen Spenders und des Empfängers minimiert und das Vertrauen der Bevölkerung in das Gesundheitswesen nicht beeinträchtigt wird."


Dies kann nur über einen ehrlichen Umgang mit der Thematik erreicht werden. Menschen auf der Warteliste sterben nicht weil es zu wenig Organe gibt, sie sterben an den Folgen ihrer Krankheit.


Die Warteliste der Nierenpatienten wird nicht kleiner werden, denn hinter momentan 7573 gelisteten Dialysepatienten stehen 60-80.000 Nierenkranke, die mit der Dialyse leben. Und jedes Jahr kommen ca. 12.000 neue Nierenkranke hinzu.


Es ist sehr richtig, auf das tragische Schicksal der erkrankten Menschen aufmerksam zu machen und es sollte vieles getan werden, um ihnen zu einer Therapie zu verhelfen. Jedoch bedeuten diese Schicksale nicht, dass man das kritische Denken einstellt, wie es bei vielen Journalisten bezüglich der Organspende zu beobachten ist, und die solche repetierende Aussagen nicht mehr in Frage stellen.


Wir sind klar dafür, dass Patienten bestmögliche und gut verfügbare Therapieoptionen erhalten. Unser Verein besteht aus Empfängern wie Spendern. Ein jeder Lebendspender hat mindestens einen geliebten Nierenkranken in seinem Umfeld, dem er von Herzen beste Gesundheit wünscht.


Einzig fordern wir einen ehrlichen Umgang mit Patienten, wie auch potentiellen Spendern. Niemals darf die Diskussion über eine solch intime und private Entscheidung wie zu einer Spende unter fehlerhaften Argumenten stattfinden, wie zur Zeit üblich. Es muss möglich sein, diese Entscheidung frei und ohne Beeinflussung durch Fehlinformationen zu treffen.

 


Ergänzende Daten:


„Mit Totschlagargumenten, wir retten ja Leben, wird unter Kirste bald alles erlaubt“, klagt Peter Gilmer, Vorsitzender des Bundesverbands Niere, der größten Selbsthilfeorganisation aus dem Bereich der Transplantationsmedizin, http://www.taz.de/!92935/


Herkunft der Zahlen:
http://www.eurotransplant.org/cms/index.php?page=yearlystats


„In einer Schweizer Dissertation äußern 98 % der befragten Spender, und dies bis zu 22 Jahre nach der Spende, dass sie ihren Entscheid nie bereuten und wieder so handeln würden.“

 

Herkunft:
Patienteninformation und Einverständnis zur Lebendnierenspende der Universitäts-Klinik Essen, Stand 2010


Diese und ähnliche Aussagen werden immer wieder als Pro-Lebendspende-Argument herangezogen.

Womit wird geworben?
Mit dieser Aussage wird potentiellen Spendern die Harmlosigkeit der Nierenlebendspende suggeriert, weil so viele Spender sich ja nicht irren können!

Was ist daran nicht in Ordnung?
Diese Aussage beruht auf rein emotional gesteuerten Aussagen von Nierenlebendspendern, ist aber als wissenschaftlicher Beleg für die Harmlosigkeit der Nierenlebendspende völlig ungeeignet. Ein derartiger Beleg kann nur auf Grund von konkreten Untersuchungen eventueller gesundheitlicher Folgen erfolgen. Die Aussage, dass man es wieder tun würde, taugt nicht als Aussage über den gesundheitlichen Status des Spenders.

In einer Studie von 2006 (Clemens KK, Am J Transplant 6:2965-2977, 2006) wird berichtet, dass sich eine große Mehrzahl der Spender abermals für die Spende entscheiden würde. Clemens et al selbst aber schreiben, dass man die richtige Vergleichsgruppen betrachten müsste, denn es wird nie eine ideale Kontrollgruppe verwendet (nämlich gleich gesunde, gleich fitte, gleich mental gesunde Personen), sondern meistens ein Schnitt durch die gesamte Bevölkerung. Clemens et al weisen weiterhin darauf hin, dass bei der Verwendung der Normalbevölkerung als Vergleichsgruppe die psychosoziale Erkrankung, die auf die Spende zurückzuführen ist unterschätzt wird.

Weiterhin wird in dieser Studie daraufhin gewiesen, dass die wenigen prospektiven Studien, die stattfanden, einen größeren Anteil an Spendern hatten, die über schlechtere Lebensqualität berichteten. Dass prospektive Studien hinsichtlich der Spenderlebensqualität wissenschaftlich verwertbarere Ergebnisse liefern, als retroperspektive ist unstrittig.

Clemens et al weisen darauf hin, dass Spender, die die Spende ja sowieso nicht mehr rückgängig machen können, es eher schwer finden könnten, negative Dinge zu sagen. Weiterhin wird betont, dass Spender eine Tendenz zur sozialen Erwünschtheit zeigen und somit - egal welche Erfahrungen sie gemacht haben - tendenziell immer positiv antworten. Weiterhin wird erwähnt, dass die Studien selten anonym stattfanden und es somit viel weniger wahrscheinlich war, dass Spender ihr Unglück ausdrücken würden, da die Studien meist von dem entsprechenden Transplantationsteam gemacht wurden.

Die Aussage, dass über 90 % der Spender es wieder tun würden, ist also als Messgröße für die tatsächlichen gesundheitlichen Folgen der Nierenlebendspende völlig ungeeignet und damit auch kein seriöses Argument für die Nierenlebendspende.

 

"Die Spende einer Niere zu Lebzeiten bringt dem Organspender keine bleibenden gesundheitlichen Nachteile."

 

Herkunft:
www.innovations-report.de

Auszüge:
"Die Spende einer Niere zu Lebzeiten bringt dem Organspender keine bleibenden gesundheitlichen Nachteile."

"Auch das Risiko für einen späteren Herzinfarkt oder Schlaganfall ist nach der Organentnahme nicht erhöht. Diese Ergebnisse nimmt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) erneut zum Anlass, Menschen zur Organspende anzuregen.
„Die Entnahme einer Niere gehört heute zu den chirurgischen Standardeingriffen“, erläutert DGCH-Generalsekretär Professor Dr. med. Hartwig Bauer aus Berlin: „Das Operationsrisiko ist dank der sorgfältigen Voruntersuchungen und Auswahl der Spender sehr gering.“"
"Die Nierenlebendspende ist für die Transplantationsmedizin unverzichtbar, betont die DGCH."

Bezug auf Studie:
Amit X Garg et al. Cardiovascular disease in kidney donors: matched cohort study. BMJ 2012;344:e1203; http://www.bmj.com/content/344/bmj.e1203

Womit wird geworben?

"Die Spende einer Niere zu Lebzeiten bringt dem Organspender keine bleibenden gesundheitlichen Nachteile."
"Auch das Risiko für einen späteren Herzinfarkt oder Schlaganfall ist nach der Organentnahme nicht erhöht."
Zwei Sätze, die sehr klar darstellen, dass es harmlos ist, eine Nieren zu spenden.

Was ist daran nicht in Ordnung?

Diese Studie präsentierte ein Zwischenergebnis, kein Endergebnis. Das wird auch betont: innerhalb der ersten Dekade nach Spende habe man keinen Unterschied in der Sterberate zur Vergleichsgruppe gefunden. Auch wäre es durchaus möglich, dass die möglichen Folgen einer Nierenspende sich erst später in der Zukunft manifestieren, wenn die Nierenfunktion unter eine Filterrate von 60ml fällt. (Ein Wert übrigens, den bis zu 75% aller Spender gleich nach der Spende haben.)

Sämtliche Aussagen werden zusammen mit dem Hinweis getroffen, dass die Ergebnisse nur für die ersten zehn Jahre stehen (im Durchschnitt sind es sogar nur 6,5 Jahre, die die Spender hier beobachtet wurden!).
Hier wird auch betont, dass gute Ergebnisse in diesen wenigen Jahren noch immer nicht heißen, dass Spender gesünder sind als die Vergleichsgruppe, sondern dass die Vergleichsgruppe einfach nicht gut genug selektiert werden kann, dass sie der Spendergruppe wirklich gleich wäre. Somit sind falsch positive Werte dieser Ursache zuzuordnen.

Zudem wird in der Studie gesagt, dass man diese Daten nicht verallgemeinern sollte, vor allem nicht, um die immer verbreitetere Tendenz, auch gesundheitlich vorbelasteten Spendern als Spender zu akzeptieren, zu rechtfertigen.

Auch hatte man keinerlei Infos, ob in der Vergleichsgruppe Nierenkrankheiten existierten, aber eine Analyse all dieser Faktoren wäre zu teuer geworden und man hätte weitere zehn Jahre keinerlei Ergebnisse vorweisen können.

Die Sätze der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zeigen deutlich auf, auf welch unsicheren oder kurzen Studien Schlüsse für ein ganzes Leben bzw. die Harmlosigkeit der Nierenspende gezogen werden. Dies mag den Kliniken mehr Lebendspender verschaffen, eine korrekte Interpretation der Studiendaten ist dies nicht. Leider ist dieses Vorgehen in der Transplantationsbranche äußerst verbreitet.


 

Lebendorganspender leben länger


Herkunft: www.aerzteblatt.de

Auszüge:
Lebendorganspender leben länger

Die Entnahme einer Niere ist für den Organspender mit einem gewissen perioperativen Sterberisiko verbunden. Langfristig könnten die Überlebenschancen einer Studie im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2010; 303: 959-966) zufolge sogar besser sein als im Rest der Bevölkerung.

Als Gegenleistung für die Lebendspende wird den Spendern in der Regel eine höhere medizinische Aufmerksamkeit zuteil. Üblich ist eine jährliche nephrologische Untersuchung, bei der chronische Erkrankungen möglicherweise frühzeitig erkannt und besser behandelt werden.

Dies ist eine der beiden Erklärungsmöglichkeiten für die Tatsache, dass die 12-Jahres-Sterblichkeit bei den Lebendspendern mit 1,5 Prozent niedriger war als in einer Vergleichsgruppe von Teilnehmern der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III), wo 2,9 Prozent im gleichen Zeitraum verstarben.

Die andere Erklärung könnte darin bestehen, dass Lebendspender gesünder sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, was in derartigen Untersuchungen als Störfaktor nicht immer herausgerechnet werden kann.

Bezug auf Studie:
http://jama.ama-assn.org/content/303/10/959.abstract
Perioperative Mortality and Long-term Survival Following Live Kidney Donation
Autoren-Link: Dorry L. Segev

Womit wird geworben?

Es wird schon allein durch den Titel suggeriert, dass Lebendorganspender länger leben als der Rest der Bevölkerung. Man bekommt den Eindruck, dass es quasi gesünder sei, ein Organ zu spenden, als dies nicht zu tun.

Was ist daran nicht in Ordnung?

Es wird jedem denkenden Menschen sofort klar sein, dass dies absolut nicht sein kann. Es kann niemals gesünder sein, einen operativen Eingriff mit Organentnahme durchzumachen und deswegen gesünder zu sein als alle, die dies nicht erlebt haben. Ergo muss der Fehler in der Studie liegen oder in der Interpretation eben dieser. Liest man den Ärzteblatt Artikel näher durch, dann stellt man fest, dass im letzten Satz der unauffällige Hinweis für die Lösung platziert wurde:

Es könnte sein, dass es daran liegt, dass Lebendspender gesünder sind als der Durchschnitt der Bevölkerung und dies kann nicht immer als "Störfaktor" heraus gerechnet werden? Das ist eine Untertreibung, die in der Transplantationsbranche leider sehr üblich ist, denn:

Diesen "Störfaktor" könnte man relativ einfach heraus rechnen, wenn man denn korrekte Vergleichsgruppen nehmen würde. Doch leider wird dies meist nicht getan, so dass falsche positive Ergebnisse die Spenderstudien prägen. In dieser besagten Studie wurde immerhin einige Mühe investiert, die Vergleichsgruppe so gesund wie möglich zu gestalten. Eine neuere Studie (Amit X Garg et al. Cardiovascular disease in kidney donors: matched cohort study. BMJ 2012;344:e1203) tat selbiges und zog aus dem Ergebnis, dass Spender besser abschnitten den einzig richtigen Schluss: dass sie die Vergleichsgruppe dann noch nicht sorgfältig genug ausgewählt haben.

Viel wichtiger ist bei der Interpretation dieser Studie jedoch, dass dieses Werk quasi als Beweis gilt, dass Lebendorganspender länger leben. Sie betrachtet also gezielt die Langzeitmortalität der Spender. Wenn man nun aber in Betracht zieht, dass die durchschnittliche Beobachtungsdauer der Spender nur 6,3 Jahre lang war, dann fragt man sich, wie irgendwer auf die Idee kommen kann, daraus eine valide Aussage über Langzeitsterblichkeit bei Lebendspendern zu ziehen. Es ist sicher gut zu wissen, dass ein dreißigjähriger Spender auch noch 36 Jahre alt wird, aber darauf Schlüsse auf die Lebensdauer ("Lebendorganspender leben länger") zu ziehen, entbehrt tatsächlich jeder wissenschaftlichen Grundlage.


Allgemeinbevölkerung

Fast keine Studie von allen Spenderstudien verwendet eine Vergleichsgruppe, die der Spenderkohorte wissenschaftlich ebenbürtig ist. Somit erzielen Spender meistens ähnlich gute Werte, wie ein Querschnitt durch die Bevölkerung, jedoch besagt das nichts darüber, ob ein Spender wieder genauso fit und gesund ist, wie vor der Spende. Denn dadurch, dass Spender höchst gesund sein sollten, um überhaupt spenden zu dürfen, ergibt sich die Tatsache, dass sie vor der Spende immer besser abschneiden als die Allgemeinbevölkerung, die natürlich einen Querschnitt durch die Bevölkerung darstellt und somit kranke und sehr kranke Menschen ebenso mit einbezieht. Hat eine Spendergruppe in einer Studie nach der Spende plötzlich Werte auf dem Niveau der Allgemeinbevölkerung, dann klingt dies zuerst gut, kann aber für die einzelnen Spender eine Verschlechterung der Lebensqualität sein. So ergeben sich dann auf eine einfache Art und Weise stets positive Ergebnisse.


Wir führen den Pro-Argumente-Check kontinuierlich weiter.
Gerne überprüfen wir Pro-Argumente, die Sie uns zusenden: kontakt@nierenlebendspende.com

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