Startseite > Leitfaden zur Eignung als Spender

Spenderevaluation
– Unsere Empfehlungen

Wir bieten hier Evaluationskriterien für die individuelle Einschätzung der gesundheitlichen und existentiellen Risiken von Nierenlebendspendern an. Die Grundlagen dieser Empfehlungen sind:

  • persönliche Erfahrungen und Erkenntnisse von Nierenlebendspendern
  • vorliegende Studien zu den gesundheitlichen Folgen der Nierenlebendspende
  • persönlich geführte Gespräche mit Ärzten, auch Transplantationsmedizinern
  • bekannte medizinische und biologische Zusammenhänge im menschlichen Organismus


Diese Einschätzungen können nur ergänzend zur klinikgeführten Evaluation verwendet werden. Es dient jedenfalls dem Spender (und seinem Empfänger) der Überprüfung der jeweiligen Klinikstandards und soll dazu anregen die Transplantationsärzte bei Zweifeln gezielt Fragen zu können. Hierbei sind konkrete Antworten zu verlangen. Transplantationsmediziner bieten wir eine Diskussion auf Basis dieser Empfehlungen an.

 

Hintergrund unserer konsequenten Regeln ist, dass trotz des oft beklagenswerten Gesundheitszustandes der potentiellen Nierenempfänger zunächst die Gesundheit des gesunden potentiellen Nierenlebendspenders geschützt werden muss. Der Wunsch zu helfen darf niemals den Blick für die eigene Gesundheit und die hohen Risiken, die ein Nierenlebendspender eingeht, verstellen. Potentielle Nierenempfänger sind, so hart das klingt, bereits krank. Potentielle Nierenlebendspender sind gesund und sollten es so gut es geht auch bleiben, da die Lebendspende ansonsten nicht die Mindeststandards ethischen Handelns erfüllt.

 

Beachten Sie aber, dass Langzeitdaten zur Folge der Spende beim Spender nur über ca. 5 - 15 Jahre vorhanden sind, (Heemann, Renders, State of living kidney donation in Europe, NDT, April 2012).

 

Bei Fragen stehen wir Ihnen auch persönlich am Telefon zur Verfügung. Rufen Sie uns an: +49 (0) 4204 - 685478. Nutzen Sie ggf. den Anrufbeantworter. Wir rufen zurück.

 

Download Evaluationsempfehlungen

 

Stufe 1 - Medizinische Spenderevaluation

  1. Persönliche Voraussetzungen
    • Mindestalter 40 bis 45 Jahre (jüngere Spender leiden unter den spendenbedingten Einschränkungen am häufigsten, Giessing et al, Transplantation 2004; 78, 864-872). Wir empfehlen aus eigenen Erfahrungen ein Mindestalter von 50 Jahren.
    • Nicht wesentlich jünger als der Empfänger. Die Folgen der Spende können möglicherweise lebensverkürzend wirken und die Folgen für jüngere Spender sind stärker spürbar. Eine ethische Bewertung des Verhältnisses „junger Spender – älterer Empfänger“ muss individuell erfolgen. 
    • Trinken Sie zu gesellschaftlichen Anlässen Wein oder Bier? Bedenken Sie, dass nach der Spende Ihre Alkoholtoleranz stark reduziert ist. Vermeiden Sie nach der Spende Alkoholkonsum. Alkohol verstärkt mögliche Symptome nach der Spende wie Erschöpfung und Müdigkeit, sowie chronische Kopfschmerzen. Spirituosen sollten Sie zukünftig komplett meiden. Alkoholiker sind für die Spende ungeeignet.
    • Raucher sind durch die nach der Spende reduzierte Immunkraft krankheitsanfälliger. Es wird empfohlen vor der Spende mit dem Rauchen aufzuhören und auch nach der Spende nicht zu rauchen.
  1. gesundheitlicher Allgemeinzustand
    • Body Mass Index (BMI) nicht über 25. Übergewicht (BMI über 25) oder sogar Adipositas (BMI über 30) erschwert der verbleibenden Niere die Aufgabe (und verstärkt die häufig beobachtete dauerhafte Müdigkeit nach der Spende zusätzlich) und erhöht das bei Übergewicht vorhandene Risiko für Bluthochdruck und weitere Übergewichtserkrankungen wie Diabetes. Stichwort "Metabolisches Syndrom". Hier können Sie Ihren BMI berechnen. Sollten Sie sich dennoch zur Spende bereit erklären, nehmen Sie auf jeden Fall durch Sport und Ernährungsumstellung ab. Achten Sie unbedingt nach der Spende darauf, die neue Lebensführung beizubehalten, um nicht wieder im Jo-Jo-Effekt zuzunehmen. Bedenken Sie jedoch, dass leistungsorientierter Sport nach der Spende dauerhaft nur noch eingeschränkt möglich sein kann. Beachten Sie, dass nach Nierenlebendspende regelmäßig eine Gewichtszunahme (aufgrund der komplexen Stoffwechselstörung durch die Niereninsuffizienz) beobachtet wird. Unsere Empfehlung: Ist Ihr BMI größer als 25, sind Sie als Spender trotz der Möglichkeit zur Gewichtsreduzierung nach unserer Einschätzung dauerhaft ungeeignet. Neigen Sie ohne Sport und entsprechender Ernährung zu Übergewicht, raten wir ebenfalls von einer Spende ab. Eigentlich müssten Ärzte, die ihren Auftrag der Schadensverhinderung ernst nehmen, übergewichtige Patienten konsequent ablehnen. Mit dem Argument, das Spender mündig seien, werden jedoch ungeeignete Personen zunehmend als Spender akzeptiert. Dies entspricht weder dem ärztlichen, noch dem gesetzlichen Auftrag. 
    • Keine Fettleber (Steatosis hepatis), keine Diabetes mellitus („Zuckerkrankheit“) auch nicht in Ansätzen. Diese beiden Krankheitsbilder stehen in intensivem Wechselspiel untereinander und mit einer Niereninsuffizienz. Diese Krankheiten fördern die Nephropathie (Nierenkrankheit). Zudem fördert eine Niereninsuffizienz (wie bei 75 % der Nierenlebendspender nach Klinikentlassung) z. B. über den Vitamin-D-Mangel Diabetes mellitus. Diese widerrum begünstigt die Entstehung einer Fettleber. Lesen Sie hier mehr.
    • Kein Bluthochdruck. Im Vorfeld der Spende 24-Std-Messung mehrmals über mehrere Wochen sowie Selbst-Messung über mehrere Monate. Auch wenn Sie blutdrucksenkende Medikamente nehmen, sind Sie nach unserer Überzeugung für die Spende ungeeignet.
    • Keine sonstigen chronischen Erkrankungen, insbesondere nicht, wenn leber- und/oder nierenschädigende Medikamente eingenommen werden müssen. So sind chronische Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa, Morbus Chron) z. B. mit ursächlich für Fetteinlagerungen der Leber. Dies wiederum steht im negativen Wechselspiel mit einer Nierenunterfunktion, auch nach Nierenlebendspende.
    • Keine Veranlagung zur Depression. Durch die Spende kann es zu einer Nierenunterfunktion kommen, deren körperlichen Folgen bei einigen Menschen zu einer Depression führen können.
    • Keine erhöhten Homocysteinwerte (nicht  > 10 µmol/l) vor der Spende im Blut. Genetische Veranlagung, Übergewicht, Kaffee- oder Alkoholkonsum kann zu erhöhten HCY-Werten führen. Die nach der Spende zu erwartende Nierenschwäche führt zudem regelmäßig zur Steigerung des HCY im Blut. Das ist zu bedenken. Zu den Folgen siehe Homocystein. Dies gilt auch für den Blutwert Faktor VIII.
    • Lassen Sie sich auf eine abgeklungene Ebstein-Barr-Virus- Infektion untersuchen. Haben Sie den Virus im Körper, achten Sie auf Ihr Immunsystem nach der Spende. Lesen Sie hier mehr.
    • Bestehen Sie auf eine eingehende Untersuchung der Schilddrüsen. Viele Spender erleiden durch die Spende Veränderungen der Schilddrüsenfunktion.
    • Bestimmung der Tumormarker.
    • Frauen mit Kinderwunsch wird von einer Spende abgeraten. Bei Einnierigkeit steigt die Fehlgeburtenrate.
  1. Nierenfunktion
    • Eine glomeruläre Filtrationsrate (siehe Lexikon > GFR) von mindestens 60 ml/min nach der Spende ist das Ziel. Dies wird nur von ¼ der Nierenlebendspender unmittelbar nach der Spende erreicht. Auch nach ca. 13 Jahren erreichen ca. ¼ der Spender dauerhaft keinen GFR von > 60 ml/min, („Long-term Outcomes of Kidney Function in Living Kidney Donors“, Fehrman-Ekholm et al, Transplantationsmedizin 2010). Geht man davon aus, dass die Nierenfunktion im Durchschnitt (!) um ca. 30 bis 40 % durch die Spende dauerhaft abgesenkt wird, ist ein Mindest-GFR von 100 ml/min Eingangsbedingung. Nur ein möglichst hoher GFR bewahrt Sie vor den Folgen einer Niereninsuffizienz, auch nach Nierenlebendspende. Die Amsterdamer Leitlinien empfehlen einen Mindestwert von 80 ml/min. Dieser Wert entspricht nach unserer Einschätzung nicht dem medizinisch sinnvollen Grenzwert.
      Zusammen mit dem empfohlenen Mindestalter von 50 Jahren grenzt dieses Kriterium den Kreis der potentiellen Spender sehr ein, da ältere Menschen eine niedrige GFR haben, als junge. Wir halten dennoch beide Kriterien für unbedingt erforderlich, um mögliche gesundheitliche Schäden vom Nierenlebendspender fernzuhalten. Symptome wie erhöhte Müdigkeit und erniedrigtes Leistungsvermögen sind dennoch möglich.
    • Über einen längeren Zeitraum sollte im Vorfeld der Spende die Eiweißausscheidung regelmäßig untersucht werden, um noch nicht erkennbare Glomeruli-Schäden aufzuspüren.

  2. Risiken bei der Transplantübertragung
    • Grundsätzlich können insbesondere Viren mit der gespendeten Niere auf den/die Empfänger/in übertragen werden. Die Folgen können für den immunsupprimierten Empfänger gravierend sein, insbesondere wenn der Empfänger bislang mit den Viren nicht in Kontakt kam, insofern keine Immunisierung/Immunantwort besteht.
    • Hochrisikokonstellationen, wenn Spender/innen Cytomegalie-Virus (CMV)-Träger und Empfänger/innen bisher keinen Kontakt mit dem Virus hatten, gilt es zu vermeiden. CMV gehört zur Familie der Herpesviridae. Übertragen wird der Virus u. a. durch Transplantation. Das Leitsymptom ist dabei hohes, manchmal wochenlang anhaltendes Fieber mit typischerweise erhöhten Leberwerten. Bei nierentransplantierten Menschen kann eine manifeste CMV-Neuinfektion oder -Reaktivierung zu einer massiven Transplantats-Funktionsver­schlechterung und sehr häufig zum Verlust des Transplantates führen.
    • Insbesondere sind Vorerkrankungen innerhalb der Familie abzufragen, ggf. Ausschluß von genetischer Disposition (erforderlichenfalls durch Gentest).

 

 

Stufe 2 - Soziale Spenderevaluation

  1. private Lebenssituation
    • Sind Sie der „Alleinversorger“ Ihrer Familie? Wenn Sie beruflich nicht kürzer treten können, oder jemand anderes steht nicht für die Versorgung der Familie bereit, können die Folgen der Spende nicht nur für Sie dramatisch sein.
    • Betreiben Sie Sport leistungsorientiert oder als Ausdauerbelastung zur Gesundheitsunterstützung? Dann müssen Sie mit erheblichen Leistungseinbußen nach der Nierenlebendspende rechnen.
    • Leben Sie in einem stabilen sozialen Umfeld, welches Sie u. U. auffängt, wenn es zu Problemen durch die Spende kommt?
    • Reicht die Rentenversicherung, sind entsprechende Absicherungen getroffen? Private Renten-, Lebens-, Unfall- und Berufsunfähigkeits-, Kranken- und Krankenzusatzversicherungen können nach der Spende oft nicht mehr oder nur noch mit einem Risikozuschlag abgeschlossen werden.
  1. berufliche Lebenssituation
    • Sind Sie auf die Ausübung Ihres Berufs zur Existenzsicherung angewiesen? Die Spende kann, insbesondere bei Nichteinhaltung der Kriterien der Stufe 1 die Ausübung Ihres Berufs unmöglich machen.
    • Sind Sie körperlich und/oder kognitiv anspruchsvoll tätig, z. B. als Leistungssportler, Handwerker, Industrie- oder Bauarbeiter, Programmierer, Manager, Ingenieur, Fluglotse, Finanzbuchhalter, Hochschullehrer etc.? Dann müssen Sie mit erheblichen Einbußen an körperlicher und kognitiver Leistungsfähigkeit rechnen, auch bei Einhaltung der Kriterien der Stufe 1.
    • Für Selbstständige ist die Nierenlebendspende ein hohes existentielles Risiko. Berufsunfähigkeitsversicherungen entziehen sich ab einer bestimmten Betriebsgröße der Leistungspflicht mit dem Hinweis auf Umorganisationsmöglichkeiten im Betrieb und der angeblich unklaren Beweislage der Symptome. Staatliche Absicherung ist nicht zu erwarten. Ob die neue Gesetzeslage greift, kann noch nicht beurteilt werden.

 

Stufe 3 - Psychologische Spenderevaluation

  • Fühlen Sie sich durch Ihr soziales Umfeld unter Druck gesetzt zu helfen, weil die Nierenlebendspende laut offiziellen Verlautbarungen risikoarm ist? Setzen Sie sich selbst unter Druck? Wie Sie unserer Webseite entnehmen können, sind die Risiken und die Parameter zur Nierenlebendspende sehr viel komplexer als offiziell zugegeben wird. Wenn Sie sich gegen die Spende entscheiden, entscheiden Sie sich nicht gegen den Empfänger, sondern im Zweifel für Ihre Gesundheit. Niemand kann Ihnen das ernsthaft zum Vorwurf machen.
  • Möchten Sie durch die Spende Ihr familiäres und/oder gesellschaftliches Ansehen steigern? Dafür ist die Nierenlebendspende nicht geeignet. Sie erhalten aus der Spende den geringsten Vorteil, nämlich bestenfalls dem positiven Gefühl geholfen zu haben. Da Spender und Empfänger emotional miteinander verbunden sein sollten, ist der Vorteil für den Spender oft oberhalb dem bloßen Hilfegefühl zu finden. Dennoch: Wirklichen Profit haben neben dem gewollten für den Empfänger nur die Klinken und Krankenkassen. Und wenn Sie dann über gesundheitliche Einschränkungen klagen, müssen Sie mit wenig Verständnis und/oder Ausreden, gerade auch bei Ärzten (siehe Gespräche) rechnen.
  • Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die Beziehung zum Empfänger ein entscheidendes Kriterium ist, sich letztlich für oder gegen die Spende zu entscheiden. Eben weil die Nierenlebendspende nicht risikoarm ist, muss der Spender eine eigene, individuelle „Risiko-Chance-Überlegung“ machen. Die Beziehung zum eigenen Kind, welches eine Niere empfangen soll, ist hierbei definitiv anders zu bewerten, als die Beziehung zum Lebenspartner, zu Geschwistern oder letztlich zu Freunden.
  • Auf wie viel Lebensqualität und berufliche Erfüllung bin ich als Spender möglicherweise bereit zu verzichten, um dem kranken Empfänger das Leben zu erleichtern? Welche eventuell auftretenden körperlichen Einschränkungen inkl. möglicherweise verkürzter Lebenserwartung bin ich bereit zu akzeptieren?
    Doch Vorsicht! Die Nierenlebendspende eignet sich nicht, kriselnde Beziehungen zwischen Lebens- oder Ehepartnern zu retten. Ein fataler Irrtum! Diese Spende ist unumkehrbar.
  • Spende aus Liebe, aber mit Verstand. Liebe alleine ist kein guter Ratgeber zur Nierenlebendspende. Lassen Sie sich auch von Ihrem Verstand leiten. Sie treffen eine unumkehrbare Entscheidung, die Ihrem Leben einen völlig anderen, als geplanten Verlauf geben kann.

 

Stufe 4 - Unabhängige Begutachtung

  • Die Ergebnisse und Erkenntnisse der Stufen 1 bis 3 sollten gemeinsam mit einer unabhängigen Person, z. B. einem Ombudsmann oder einer Ombudsfrau erörtert werden. Diese Person spricht unabhängig von Ihren persönlichen Interessen und von den Interessen der Klinik eine Empfehlung aus. Die Entscheidung zur oder gegen die Nierenlebendspende treffen Sie allein.
  • Leider ist die Institution einer Ombudsstelle in Deutschland nicht etabliert. Wir bieten Ihnen entsprechende beratende Gespräche an, siehe auch Service und Beratung.

Aktuelles/ Board

Hier finden Sie Neuigkeiten, zusätzlich zur offiziellen Presse

NEWSLETTER

Erhalten Sie unseren aktuellen Newsletter.

Melden Sie sich hier vom Newsletter ab.

Videos

Videobeiträge zum Thema Nierenlebendspende